Schuld an Vernichtung von Retouren trifft auch Kunden

Meinung : Schuld an Vernichtung von Retouren trifft auch Kunden

Ja, die Wegwerfgesellschaft ist teils pervers. Aber die Frage ist, ob ein Vernichtungsverbot für die Versandhändler der richtige Weg ist.

Bei dem ganzen Onlinehandel-Bashing, das derzeit so in Mode gekommen ist, muss zur „Vernichtungspraxis“, wie Greenpeace den Umgang mit Retouren nannte, auch mal gesagt werden: Es ist nicht so, als würden Amazon und Co. jedes zurückgeschickte Päckchen gleich in den Container werfen. Wir sprechen hier über vier Prozent, haben Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bamberg herausgefunden. Fast 80 Prozent der Retouren werden gleich wieder als A-Ware zurück in den Verkauf gegeben.

Alles gut also? Natürlich nicht. Bei fast 500 Millionen zurückgeschickten Artikeln in nur einem Jahr ist es immer noch eine große Zahl, die im Müll landet, obwohl sie rein qualitativ wohl nicht dorthin gehört. Wer sich gar nicht vorstellen kann, was das soll, der schaue sich nur einmal die Werbungen mancher Modeketten in den sozialen Medien an: Da wird ein Shirt im geringen zweistelligen Wert verkauft, das verpackt und verschickt werden muss, die Bürokratie der Bezahlung erfordert, dann eventuell zurückkommt, ausgepackt werden muss und die Bürokratie einer Rückzahlung erfordert – und jetzt überlegen Sie mal, wenn schon das Schildchen hinten herausgeschnitten ist oder ein fetter Make-up-Rand vom Anprobieren dran ist. Wie viel soll der Anbieter nach diesem ganzen Tanz noch in Reparatur oder Reinigung investieren? Für, sagen wir mal, ein 12,99-Euro-Hängerchen aus Fernost?

Ein Kommentar von Juliane Kinast. Foto: Judith Michaelis

Ja, es handelt sich um eine „Perversion der Wegwerfgesellschaft“. Die Frage ist, ob ihr mit Vernichtungsverboten und Drangsaliererei der Anbieter beizukommen ist. Denn erklecklichen Anteil hat das zum Teil pervertierte Konsumverhalten. Kunden, die eine enorme CO2-Bilanz ihrer Kleider in Kauf nehmen, weil ihr Wohnzimmer als Umkleidekabine gemütlicher ist. Dass über das Problem jetzt auch außerhalb der Grünen diskutiert wird, ist ein erster Schritt zur Veränderung.

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