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Rassismus-Debatte: Das ist der Kern des Mordes an George Floyd

Meinung : Das ist der Kern des Mordes an George Floyd

Ob Floyds Weste blütenweiß war oder eben nicht, das hat mit der Tat des minutenlang auf seinem Hals knienden Polizisten rein gar nichts zu tun. Ein Kommentar.

In den USA zerreißt der Polizisten-Mord an George Floyd die Nation und scheint – wie an Demonstrationen, Trauerfeier und Beerdigung zu beobachten war – mehr Nachhall zu produzieren und Mentalitätswandel nach sich zu ziehen, als so viele rassistische Vorfälle zuvor: Die meist kurz Thema waren und dann doch wirkungslos blieben.

Es ist etwas in Bewegung in den USA. Präsidentschaftskandidat Joe Biden sieht einen Wendepunkt in der Geschichte der Nation. Das allein kann der wohl einzige Wertanteil am schrecklichen Tod Floyds sein, so schlimm sich das anhören mag.

Auch in Deutschland läuft längst eine Rassismus-Debatte. Aber sie hat zwei unselige Ausläufer, die einmal mehr aufzeigen, dass viele Auseinandersetzungen nur noch extrem polarisiert geführt und Kompromiss immer weniger möglich zu sein scheint. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken spricht in Anlehnung an den Mord an Floyd deutlich zu pauschal über Rassismus in der deutschen Polizei, womit sie zur Unzeit und inmitten einer ohnehin aufgeheizten Debatte ein politisch falsches Signal setzt, das bislang glaubwürdig in ihrer Rhetorik zu anderer Zeit nicht vorgekommen ist. Es ist ein Versuch von Geländegewinn, weil er sich anbot.

Fataler aber noch sind die zahlreichen Versuche in den sozialen Netzwerken, George Floyd nicht als Opfer von grausamer Polizeigewalt anzuerkennen, sondern sein Strafenregister als Grundlage dafür zu zitieren, dass dieser Mann zum Märtyrer nicht tauge – wo er doch selbst bei seiner Verhaftung unter Drogen gestanden habe. Dabei spielt das in der Sache überhaupt keine Rolle.

Ob Floyds Weste blütenweiß war oder eben nicht, das hat mit der Tat des minutenlang auf seinem Hals knienden Polizisten rein gar nichts zu tun. Und mit deren Bewertung auch nicht, zumal dann nicht, wenn sie rassistisch begründete Argumentation zu vermeintlich logischen Mustern stilisiert – also Hautfarben Verhaltensweisen zuschreibt, die auf diese oder solche Art zu ahnden erlaubt wären. Auch nicht die Frage, wie ungleiche Verhältnisse in der amerikanischen Gesellschaft Einfluss auf das Leben Floyds gehabt haben, spielt bei der Beurteilung der Tat eine Rolle.

Der Tod Floyds ist ein Skandal, weil am Ende ein Mensch völlig unnötig zu Tode gekommen ist, über dessen „Wert“ ein Polizist in grausamster Weise entschieden hat. Das steht unter dem Strich und darf ohne gesellschaftliche Konsequenzen nicht mehr bleiben.