Novemberpogrome: Von der Hetze zum Mord

Meinung: Novemberpogrome - Von der Hetze zum Mord

Aus den verdienstvollen Forschungsergebnissen der Mahn- und Gedenkstätte  Düsseldorf zu den Todesopfern der Reichspogromnacht folgen teils erschütternde, teils beschämende Erkenntnisse.

Zum einen: Dass es 80 Jahre dauern musste, um die seit NS-Zeiten kursierende Zahl von reichsweit 91 Toten schon durch eine nur regional begrenzte Forschung als falsch  zu entlarven, offenbart erhebliche Aufarbeitungslücken. Und das bei einer Zeit, von der interessierte Kreise gerne behaupten, dazu sei doch nun wirklich alles bekannt und gesagt.

Es wäre daher nicht nur wünschenswert, sondern erscheint geradezu zwingend erforderlich, dass andere Länder dem Beispiel aus NRW folgen und ihre Archive durchforsten. Mit Schätzungen oder Mutmaßungen über 400 oder gar 1500 Tote im gesamten Reichsgebiet kann sich niemand zufriedengeben. Und mit einer fortdauernden Fehlinformation in den Schulbüchern auch nicht.

Denn in der Konsequenz folgt aus den Zahlen auch, dass sich der Fokus bei der Betrachtung der Novemberpogrome verschieben muss: weg von einer vor allem auf die materiellen Schäden gerichteten Sichtweise hin zu einer, die die Opfer mehr in den Blick rückt. Die Toten und Traumatisierten der Terrornacht vor 80 Jahren waren keine  Kollateralschäden der Zerstörungswut eines blindwütigen Mobs. Sie waren die kalkulierte Eskalationsstufe zwischen einer gezielten sprachlichen Hetze und dem industriellen Massenmord.

Als der Abschlussbericht vorgelegt wurde, saßen Michael Szentei-Heise, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, und der Holocaust-Überlebende Herbert Rubinstein im Publikum. Beide zogen unweigerliche Parallelen zur Gegenwart, zu einer Verrohung der Sprache, zur Stigmatisierung gesellschaftlicher Gruppen. 80 Jahre nach den Novemberpogromen wieder berechtigte Sorgen und Warnungen aus diesem Munde vernehmen zu müssen, ist die schmerzlichste Erkenntnis der Ergebnispräsentation.

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