Notre-Dame: Warum man nicht über die Spender spotten sollte

Meinung : Notre-Dame: Warum man nicht über die Spender spotten sollte

Die Spendensumme für die stark beschädigte Kirche Notre-Dame steigt von Tag zu Tag - und mit ihr die Kritik, dass das Geld für andere Zwecke besser zu verwenden wäre. Vorwürfe überhaupt angebracht?

Wie schwer ist es für die Gesellschaft, die Last einer zerstörten katholischen Kirche zu tragen? Offenbar nicht sonderlich, die Spendenbereitschaft nach dem Brand von Paris ist gewaltig, von 700 Millionen Euro ist zu hören, Tendenz steigend, es geht dabei sogar moralisch voran: Drei der reichsten Familien Frankreichs wollen angeblich 500 Millionen Euro für den Wiederaufbau von Notre-Dame spenden.

An dieser Spendenwut vorbei ist längst die Debatte gerauscht, warum die Menschen in solchem Ausmaß für Steine, wohl viel weniger und ärmer an Empathie aber für Menschen spenden – etwa für ertrinkende Flüchtlinge. Auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) musste diese Kritik hinnehmen, weil er als Bevollmächtigter für deutsch-französische kulturelle Angelegenheiten hochoffiziell und voller Überzeugung zu Spenden für Notre-Dame aufgerufen hatte. Wie also richtig verhalten in diesem Konflikt?

Ein Kommentar von Olaf Kupfer. Foto: ja/Sergej Lepke

Ein guter Gradmesser ist die Erkenntnis, dass Katastrophen und Unglücke nicht zu vergleichen und schon gar nicht in Ranglisten aufzuarbeiten sind. Erlaubt ist, was gefühlt wird. Diese psychologische Erkenntnis in Abrede zu stellen und Gefühle zu bewerten, ist schon beim Paartherapeuten keine gute Idee. Und wenn man sieht, welche Bedeutung eine Kirche als nationales Symbol zur Identitätsstiftung haben kann in einer Zeit, in der Gemeinschaft einen harten Kampf gegen zunehmende Individualisierung kämpft, ist Respekt für jene, die trauern, spenden oder aufbauen wollen, eine gute Wahl.

Dass aber die katholische Kirche – wie zu hören ist – zu denen wohl nicht gehören will, ist peinlich. Der 1905 in Frankreich faktisch eingeführte Laizismus – die strikte Trennung von Staat und Kirche – umfasst nicht die sakralen Gebäude, die vor 1905 gebaut wurden. Die gehören dem Staat. Und der soll zahlen. So korrekt ist die schwer reiche katholische Kirche dann doch. Und allein.

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