Missbrauch: Das quälende Wort

Meinung : Das quälende Wort

Die deutschen Bischöfe treffen sich zur Frühjahrs-Vollversammlung in Lingen. Der Betroffenen-Verein „1. Community – Ehemalige Heimkinder NRW“ sagt die Teilnahme an einer Veranstaltung in Berlin ab, in der erlittenes Leid öffentlich anerkannt werden soll.

Im Kreis Lippe durchforstet ein Sonderermittler die örtliche Polizeibehörde auf der Suche nach Fehlern im Fall Lügde. Ein einziges Wort verbindet diese drei zusammenhanglosen Nachrichten: Missbrauch.

Das Wort quält in jeder Hinsicht: weil es mit abgründigen Taten verbunden ist; weil es einem derzeit fast überall begegnet; und weil es in der Häufigkeit der Verwendung zugleich andeutet, wie uferlos die Zahl der Betroffenen sein muss.

Der Missbrauchsbegriff ist so omnipräsent, dass es manchen Menschen schon zu viel wird: „Jetzt muss aber auch mal gut sein“; „Gibt es eigentlich keine anderen Themen mehr?“ – Stimmen dieser Art werden lauter. Aber sie weisen in die falsche Richtung. Denn nur wenn das Thema sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen quälend gegenwärtig bleibt, besteht die Chance, dass die vielen Täter sich nicht in Sicherheit wiegen können.

Pro Schulklasse ein bis zwei betroffene Kinder – von diesem statistischen Durchschnittswert geht der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs aus. Und auch wenn viele Fälle aus Heimen und Kirchen auf die Zeit der 50er und 60er Jahre verweisen: Missbrauch geschieht weiterhin täglich mitten unter uns, vor allem im direkten sozialen Umfeld der Opfer, gerade auch in deren eigener Familie.

Nicht nur diese Nähe, sondern auch viele andere Umstände  führen dazu, dass die meisten Fälle nicht zur Anzeige kommen. Erst ein kleiner Teil der Decke ist bis jetzt gelüftet. Die quälende Debatte um die nötigen Konsequenzen muss daher weitergehen. Das ist keine Zumutung, sondern das Mindeste, das wir den Opfern schulden.

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