Meinung zur Kommerzialisierung im Gesundheitswesen: Mehr als Rendite

Meinung : Mehr als Rendite

Klaus Reinhardt erweist sich als lernfähig. Als die Bertelsmann-Stiftung im Sommer dieses Jahres die Überversorgung mit Klinikbetten anprangerte, nannte der damals frisch gewählte Präsident der Bundesärztekammer das „mehr als befremdlich“.

Inzwischen sieht er ein, dass längst nicht alle Häuser zu halten sind. Es gibt eine Überversorgung mit Betten. Und weil das so ist, liegen in Deutschland pro 1000 Einwohner mehr Kranke auf Station als in unseren Nachbarländern. Und die werden so behandelt, dass es möglichst gut honoriert wird – viel Technik, wenig menschliche Zuwendung. Vor allem Operationen bringen Geld. Bei neuen Hüftgelenken, Knieprothesen und Herzschrittmachern sind wir auch deshalb führend, weil es einen für die Patienten gefährlichen Konkurrenzkampf zwischen den Kliniken gibt.

Es ist Sache der Länder, die Versorgung mit Krankenhäusern bedarfsgerecht zu sichern. Dazu gehört angesichts der offensichtlichen Überversorgung aber auch der Mut, Standorte zu schließen, auch wenn dies auf Widerstand trifft. Fast alle Experten sind sich einig, dass die Qualität der Versorgung zunimmt, wenn das vorhandene medizinische Personal auf weniger Häuser verteilt wird. Es kann nicht richtig sein, wenn sich beispielsweise in Dortmund neun Kliniken um Herzinfarkte kümmern.

Mit Recht warnt Ärztepräsident Reinhardt vor einer zu starken Kommerzialisierung im Gesundheitswesen. Finanzinvestoren haben dieses Anlagefeld für sich entdeckt. Sowohl im stationären wie ambulanten Bereich machen sie sich immer breiter. Im Vordergrund steht die Erfüllung der Renditeziele, nicht das Wohl der Patienten. Dass unter diesem  Druck  überflüssige medizinische Leistungen erbracht werden könnten, ist eine Sorge, die nicht nur Reinhardt hat. Die Gesundheit der Menschen ist ein Gut, das nicht nur den Regeln des Marktes unterworfen werden darf.