Korruption, die Pest unserer Zeit

Meinung : Korruption, die Pest unserer Zeit

Was war zuerst, Gewaltherrschaft oder Gier? Die alte Henne-Ei-Frage kann man auch bei der Korruption stellen. Die Antwort: Beides. Die Dinge lassen sich nicht trennen. Korruption und Diktatur sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille.

Bereicherung ist das Motiv, um sich Macht zu schaffen. Und die Absicherung der Macht ist dann die Bedingung dafür, dass die Bereicherung immer weiter funktioniert. Mancher Diktator lässt nur noch deshalb verhaften oder gar morden, weil er fürchtet, von seinen Nachfolgern vor Gericht gezogen zu werden. Erdogan ist so ein Fall. Manchmal werden Ideologien vorgeschoben, um solche Systeme zu rechtfertigen, wie in China, manchmal ein äußerer Feind – der Westen – wie in Russland.

Wo Demokratien stabil sind, gibt es zwar auch ständig Versuche der Korruption, doch bleiben sie auf einem niedrigen, kontrollierbaren Niveau. Das hat Transparency nun wieder bestätigt. Deshalb werden die Geldgierigen immer zuerst die demokratischen Institutionen angreifen. Vor allem die Justiz und die unabhängige Presse. In Brasilien ist das gerade live zu erleben. Ebenso in den USA. Und in Ungarn.

Ein Kommentar von Werner Kolhoff. Foto: k r o h n f o t o . d e

Weltweit ist die Entwicklung besorgniserregend. Wo die Populisten auf dem Vormarsch sind, laufen die Absahner mit. Und die Menschen machen es ihnen leicht. Auch bei uns. Wer zum Beispiel eine unabhängige Berichterstattung für überflüssig hält, macht sich blind für das, was hinter seinem Rücken geschieht.

Korruption fängt im Kleinen an. In der Ukraine zahlt man schon für eine gute Schulnote. Oder für einen Arzttermin. Das geht bis in die ganz großen Geschäfte. Die Folgen: Schmuggel, illegale Eingriffe in Naturräume, Pfusch am Bau, gekaufte Politiker, verlorenes Vertrauen in den Staat. Korruption macht Länder kaputt, weit über den unmittelbaren Schaden hinaus. Sie führt zu Gewalt, bis hin zum Bürgerkrieg. Und erzeugt Flüchtlingsströme. Wo Entwicklungsmilliarden an den klebrigen Fingern von Oligarchen, Militärs und Beamten hängen bleiben, verlieren junge Menschen jede Hoffnung, jemals Anschluss an die Welt zu finden. Viele Entwicklungsländer werden, kaum dass sie ein wenig vorangekommen sind, sofort wieder von Diktatoren und ihren Cliquen um Jahrzehnte zurückgeworfen. Korruption ist die neue Pest der Menschheit.

Die demokratischen Länder mögen weitgehend korruptionsfrei sein – frei von Schuld sind sie nicht. Es ist nicht strafbar, steht aber moralisch auf unterster Stufe, wenn Banken in Europa um die Blutgelder buhlen. Wenn Konzerne, fleißig schmierend, in den Ländern Rohstoffe ausbeuten. Wenn Waffen geliefert werden. Wer gegen die weltweite Korruption vorgehen will, muss im eigenen Haus anfangen zu kehren. Und vor allem die Demokratie stärken.

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