Kommentar zum Konflikt in Nahost: Noch ist die Kriegsgefahr nicht gebannt

Kommentar : Noch ist die Kriegsgefahr nicht gebannt

Es gab bei 20 Raketen gegen amerikanische Basen keinen einzigen Toten. Das sieht mehr nach orientalischem Aufplustern als nach echtem Krieg aus und wäre angesichts der Lage ziemlich weise. Aber bei den Mullahs weiß man nie. Und bei Trump erst recht nicht.

Wenn man ein Bild für die deutsche und europäische Hilflosigkeit in der Irak-Krise braucht – am Sonnabend wird man es bekommen. Wenn Angela Merkel und Heiko Maas in Moskau bei Wladimir Putin sitzen. Falscher Ort, falscher Gesprächspartner. Zur Lösung der aktuellen Krise am Golf aber kann Putin wenig beitragen. Dafür müssten die Deutschen nach Washington reisen. Donald Trump hat mit seiner übereskalierenden Reaktion auf iranische Nadelstiche die aktuelle Krise ausgelöst. Aber wahrscheinlich würden Merkel und Maas dort nicht mal empfangen werden, schon gar nicht als Kritiker. Außerdem golft der Präsident am Wochenende.

Die deutsche und europäische Außenpolitik ist in diesem Konflikt in Wahrheit macht-, kopf- und strategielos. Ihr bleibt kaum mehr, als der Versuch zu begreifen, was geschieht. Und ihre eigenen Soldaten in Sicherheit zu bringen. Eine aktive Rolle spielt sie nicht. Außer, dass man beide Seiten flehentlich auffordert, eine weitere Eskalation zu unterlassen.

Im Moment scheint das zu geschehen. Teherans versprochene „grimmige Rache“ für den Tod Soleimanis erfolgte mit Vorwarnung. Es gab bei 20 Raketen gegen amerikanische Basen keinen einzigen Toten. Das sieht mehr nach orientalischem Aufplustern als nach echtem Krieg aus und wäre angesichts der Lage ziemlich weise. Weiser jedenfalls als Trumps Drohnenaktion gegen Soleimani. Aber bei den Mullahs weiß man nie. Und bei Trump erst recht nicht. Mit seiner Ankündigung, beim ersten amerikanischen Opfer massiv zurückzuschlagen, hat er sich selbst unter Druck gesetzt. Und Opfer gibt es schnell im Mittleren Osten.

Außerdem sind jetzt noch viele andere Lunten entzündet, die morgen Explosionen auslösen können. Das Atomabkommen ist so gut wie tot. Israel muss sich nun wieder akut auf diese Bedrohung einstellen und könnte zu Präventivschlägen greifen. Saudi-Arabien und die Türkei werden sich gewiss atomar bewaffnen, wenn Teheran es tut. Und völlig unklar ist, wie es im Irak weitergeht, wo die Stimmung komplett gegen den Westen umzukippen scheint. Wenn mit den Amerikanern auch alle anderen Koalitionstruppen abziehen müssten, hätte der IS dort wieder freie Bahn – und auch der Iran. Die amerikanische Drohne hat nicht nur den Al-Quds-Chef vernichtend getroffen, sondern auch die gemeinsame Irak-Strategie des Westens, so es die denn je gab.

Wenn die akute Krise überstanden ist, sollten Angela Merkel und Heiko Maas daher so schnell wie möglich nach Washington fahren. Auch der Nato-Generalsekretär. Dort liegt der Schlüssel für die weitere Entwicklung. Am Wochenende übrigens in Trumps Feriendomizil in Florida.