Kommentar zu Fahrprüfungen: Hohe Durchfallquoten sind nicht nur schlecht

Meinung : Hohe Durchfallquoten sind nicht nur schlecht

Die Straßenverkehrsordnung hat sich nicht geändert. Die Bedeutung, sie zu kennen, aber schon. Das lehren uns die zunehmend hohen Durchfallquoten bei Führerscheinprüfungen.

Anno dazumal wie heute: Rechts vor links gilt nach wie vor. Die Straßenverkehrsordnung hat sich nicht geändert. Die Bedeutung, sie zu kennen, aber schon. Das lehren uns die zunehmend hohen Durchfallquoten bei Führerscheinprüfungen.

In vielen Großstädten ist es heutzutage möglich, autofrei zu leben. Man ist mit dem Fahrrad und der U-Bahn schneller und zumeist auch stressfreier am Ziel. Keine Parkplatzsuche, kein Stau. Kein Wunder, dass mehr als ein Drittel der Führerscheinanwärter in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen, Berlin durch die Prüfung fallen, während die wenigsten Durchgefallenen im ländlich geprägten Hessen gezählt werden. Die Zahlen sind auch ein Symbol: Als wollten viele Großstädter ihr Unglück noch hinauszögern. Dorfbewohner hingegen gewinnen mit der Mobilität ein großes Stück Freiheit.

Das Problem ist nur: Wenn Anwärter den Führerschein zunehmend erst dann angehen, wenn er etwa durch eine neue Arbeitsstelle gefordert wird und nicht – wie lange Zeit üblich – zum 18. Geburtstag, lernen sie anders. Studien zeigen, dass intrinsische Motivation stärker beim Lernen hilft als äußerer Zwang. Und Personen, die schon lange aus einem Lernprozess raus sind, lernen langsamer als sie das in jungen Jahren täten.

Der von Experten angeprangerte Egoismus im Verkehr, der es den Prüflingen heute zusätzlich schwer macht, strahlt von vielen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens spürbar ab auf die Straße. Frei nach dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Fahranfänger haben so kaum eine Chance, in jeder Situation, die andere provozieren, richtig zu reagieren. Die Routine stellt sich mit dem Fahren ein. Und um die nötige Routine für die Prüfung zu erlangen, brauchen Anfänger in Großstädten mehr Fahrstunden als auf dem Land. Egoistische Fahrer, Autobahnen blockierende Autokorsofahrer und Drängler erzeugen entweder Angst davor, sich überhaupt hinters Steuer zu setzen – oder erzwingen Fehlverhalten. Beides ist einer Prüfungssituation abträglich.

Aber die Prüfungsquoten sind auch ein gutes Zeichen: Weil Standards zu unser aller Sicherheit noch einen Wert haben, der verfolgt wird. Fahrschüler sollten ihren Fahrlehrern vertrauen: Wenn sie zur Prüfung nicht zugelassen werden, könnte es daran liegen, dass der Fahrlehrer mit weiteren Fahrstunden die Einnahme verbessern will. Wahrscheinlicher aber ist, dass er dank seiner Erfahrung die richtige Entscheidung trifft. Vor Selbstüberschätzung strotzende Anfänger sind auf der Straße nämlich eine Gefahr für alle. Denn was nach der Prüfung passiert – darauf haben die Fahrschulen leider keinen Einfluss mehr.