Jeremy Corbyn - Der aufgeweichte Hardliner

Meinung : Jeremy Corbyn - Der aufgeweichte Hardliner

Der Brexit ist der schlechteste Running Gag der Politik, bei dem das Lachen seit Monaten im Halse steckt. Jetzt spricht sich die Labour-Party des Oppositionsführers Jeremy Corbyn für ein zweites Brexit-Referendum der Bevökerung aus – und einigt damit die britische Opposition gegen May.

Es ist der schlechteste Running Gag der Politik, bei dem das Lachen seit Monaten im Halse steckt: Gerade noch nimmt die britische Regierung angeblich eine Verschiebung des Brexits in Augenschein, gerade noch war diese von der EU favorisierte Lösung, die die Chance ließe, das große Chaos für beide Seiten verhindern zu können, von der Regierungschefin Theresa May dementiert worden, schon schlagen die Briten die nächste Finte: Die stolze Labour-Party des Oppositionsführers Jeremy Corbyn spricht sich für ein zweites Brexit-Referendum der Bevökerung aus – und einigt damit die britische Opposition gegen May.

Natürlich nicht ganz freiwillig, weil stolze Politiker wie Corbyn ihre Haltungen von einst nicht gerne über Bord werfen: Corbyn ist Brexiteer, stimmte also stets und immer für den Ausstieg aus der EU und fühlte sich bis Montagbend daran gebunden, weil seine Wähler in den Labour-Stammlandschaften im Norden Großbritanniens ihm dies mit ihrem Votum aufgetragen hatten. In der Labour-Partei aber hat sich der Wind gedreht. Neun Abgeordnete haben in den vergangenen Tagen die Partei verlassen, auch aus Ärger über die strikte Haltung des Parteivorsitzenden, die sich nicht geändert haben mag, aber die Möglichkeiten für eine neue demokratische Entscheidung lässt.

Und jetzt? Wächst der Druck auf die konservative Regierungschefin May: Sie will keine zweite Volksabstimmung, hat aber auch beständig keine Mehrheit für den ausverhandelten Deal mit der Europäischen Union. Fünf Wochen sind es noch bis zum 29. März, dem Tag des festgelegten Austrittsdatums. Alternativen rücken nahe: eine Verschiebung, womöglich gar ein neues Referendum. Mit all seinen Risiken. Und am Ende gar ein EU-Verbleib? Es wäre ein echte Pointe.

Ein Kommentar von Olaf Kupfer. Foto: Sergej Lepke
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