Meinung : Impfen schützt neben dem Einzelnen auch die „Herde“

Impfverweigerer sorgen für viel Verunsicherung. Da werden Krankheiten, die einen durchaus bedrohlichen Verlauf nehmen können, als Kinderkrankheiten bezeichnet.

So, als wenn es gar nichts wäre und jedes Kind eben die Masern, Keuchhusten und andere oftmals schwer verlaufende Erkrankungen einfach mal durchmachen müsse. Vergessen scheinen die Schrecken aus einer Zeit vor der Entwicklung effektiver Impfungen. Mangelnde Impfbereitschaft zählt die Weltgesundheitsorganisation mittlerweile zu den zehn größten Gesundheitsrisiken – und nennt sie in einem Atemzug mit Krebs, Luftverschmutzung oder resistenten Keimen. In Zeiten des Internets haben es Impfgegner immer leichter, ihre verunsichernden Botschaften unters Volk zu bringen. Dabei profitiert gerade diese kleine, aber laute Gruppe davon, dass die ganz große Mehrheit sich oder ihre Kinder impfen lässt. Eine durch Impfung erzeugte oder durch eigene Infektion erworbene Immunität schützt auch diejenigen, die sich selbst nicht schützen. Die Wissenschaftler sprechen von „Herdenimmunität“.

Doch wäre ein Zwang zur Impfung, wie er immer wieder gefordert wird, ein probates Mittel, die Impfverweigerer in die Pflicht zu nehmen? Im Sinne des „Herdenschutzes“ ganz gewiss. Aber jede Impfung ist auch mit möglichen Nebenwirkungen verbunden, die, selbst wenn sie noch so selten auftreten, eine Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit bedeuten. Daher ist es rechtlich problematisch, jemanden hier zu etwas zu zwingen.

Freilich lässt sich auch anders herum argumentieren: Die Freiheit des Einzelnen, sich auf seine körperliche Unversehrtheit zu berufen, kollidiert mit dem Anspruch der vielen anderen, selbst nicht zu erkranken. Der Konflikt wird am Beispiel der kleinen Kita-Besucher besonders deutlich. Da gibt es Kinder, die wegen ihres jungen Alters oder wegen einer schweren Immunkrankheit nicht geimpft werden können. Und deren Risiko einer Masernerkrankung sich erhöht, wenn andere sich nicht impfen lassen – aus Nachlässigkeit, aus Überzeugung oder weil sie ganz bewusst davon profitieren wollen, dass sie ja von der „Herde“ ausreichend geschützt sind. Dieser Konflikt sollte nicht auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen werden. Jedenfalls hier sollte der Vorschlag der Kinder- und Jugendärzte realisiert werden: Impffähigen Kindern sollte eine Kita-Aufnahme verweigert werden, wenn sie die von den Wissenschaftlern der Ständigen Impfkommission geforderte Immunisierung nicht nachweisen können.

Daneben muss die Impfaufklärung intensiviert werden – ob es nun um Masern, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten oder andere Krankheiten geht. Hier darf das Feld nicht den Trommlern der Desinformation und Verunsicherung überlassen werden.

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