Meinung: Heimat taugt nicht als politischer Begriff

Meinung: Heimat taugt nicht als politischer Begriff

Als die neue NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) im Sommer ihre ersten Interviews gab, wurde sie allenthalben gefragt, was sie denn unter Heimat verstehe. Unserer Zeitung sagte sie damals: „Heimat ist für mich meine Stadt Kamen, wo ich herkomme, großgeworden bin und meine Freundinnen und Freunde habe.“ Damit ist zu dem Thema eigentlich alles gesagt.

Denn mich zum Beispiel interessiert Kamen nicht die Bohne. Dafür war ich am Wochenende nach langer Zeit mal wieder in meiner Geburtsstadt Mettmann, habe in den inzwischen verwilderten Garten meiner Kindheit geblickt und am Grab meiner Eltern gestanden. Ich könnte auch noch von Heimatgefühlen erzählen, die ich in meiner langjährigen Wahlheimat Köln oder aber in Burscheid empfinde, wo ich heute wohne. Oder — ganz verquer — sogar im schlesischen Riesengebirge, obwohl ich dort nie gelebt habe.

Von dort stammte mein Vater und zählte daher nach dem Krieg zu den Menschen, die der Gesetzgeber Heimatvertriebene nannte. An ihnen lässt sich gut ablesen, wie schnell der Heimatbegriff auch nach dem Ende der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis seine toxische Wirkung entfalten kann, wenn man ihn aus dem Persönlich-Privaten ins Politische zerrt. All die Karten mit den Grenzverläufen von 1937 und die ideologischen Kampfblätter der Verbände waren endloser Konfliktstoff der politischen Debatte um die deutsche Ostpolitik und die Konsequenzen daraus. Dass sich dahinter oft nur ein so verständlicher wie schwer in Worte zu fassender privater Verlustschmerz verbarg, drang kaum durch.

Diesen Schmerz mit einem politisch aufgeladenen Heimatbegriff lindern zu wollen, führt auch heute noch in die Irre. Globalisierungsangst, Identitätskrisen und Lebensbrüche sind weder mit dem AfD-Gezeter vom Volk und Land, das man sich zurückholen werde, noch mit Heimatministerien oder der neuen grünen Heimatliebe therapierbar — weil ein gemeinsamer identitätsstiftender Nenner für all die biografisch und individuell geprägten Heimatvorstellungen in einer pluralen Gesellschaft nicht zu finden ist.

Heimat mag Kamen sein oder Mettmann oder überall da, wo Menschen leben, die uns am Herzen liegen. Dort ist sie gut aufgehoben. In der politischen Debatte aber ist der Begriff überfordert.

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