Für mehr Sachlichkeit in der Missbrauchsdebatte

Meinung : Für mehr Sachlichkeit in der Missbrauchsdebatte

Vielleicht ist gerade der herausragend prominente Fall des Düsseldorfer Stadtdechanten Ulrich Hennes am Ende dazu angetan, die hoch emotionale Debatte um sexuellen Missbrauch in der Kirche zu versachlichen. Das fällt zugegebenermaßen schwer, weil die jahrzehntelang vertuschte Schuld und das zerstörte Vertrauen so mächtig sind.

Überreaktionen, ob außerhalb oder innerhalb der Kirche,  tragen nicht wirklich zur Klärung des Problems bei. „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser“, hat schon Bertolt Brecht gedichtet.

Es wäre bereits hilfreich, wenn nicht fortwährend Homosexualität und sexueller Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche in einen Zusammenhang gesetzt würden, den es so nicht gibt. Die sexuelle Orientierung eines Menschen, auch in der katholischen Kirche, hat nichts mit dem Missbrauch Minderjähriger zu tun. Wohl aber verstärkt ein ungeklärtes Verhältnis zur eigenen Sexualität oder gar deren religiös verschwurbelte Unterdrückung die Gefahr, zum sexuellen Straftäter zu werden. Das jedoch pauschal allen Geistlichen zu unterstellen, ist Unfug.

Ein Kommentar von Ekkehard Rüger. Foto: ja/Sergej Lepke

Hennes war bei seiner Beurlaubung im März auch kein Missbrauch, sondern sexuelle Belästigung eines jungen Erwachsenen vorgeworfen worden. Das ist ebenfalls kein Kavaliersdelikt, aber hat doch eine andere Qualität als der Missbrauchsvorwurf. Hat das Erzbistum also voreilig und unüberlegt gehandelt, als es sich bei seinem Vorgehen nicht einmal im Ansatz bemühte, Hennes’ Namen aus dem Spiel zu halten?

Das lässt sich im Nachhinein leicht sagen. Aber in einer Situation, in der die Kirche unter permanentem Vertuschungsverdacht steht und dem Vorwurf ausgesetzt ist, noch immer nicht einheitlich konsequent mit Missbrauchsfällen umzugehen, ist Augenmaß nur schwer möglich. Ein zeitlich nicht absehbares Verfahren abzuwarten, ohne zu reagieren, wäre im Fall der Bestätigung wiederum zum Bumerang gegen die Kirche geworden. Und einen Stadtdechanten zu beurlauben, ohne den Grund dafür zu benennen, hätte nur den irrwitzigsten Gerüchten Nahrung gegeben. Insofern war das Vorgehen nachvollziehbar.

Aber jetzt hat die Kirche auf andere Weise die Chance, Vertrauen zurückzugewinnen. Sollten auch die kirchlichen Ermittlungen keine relevanten Vorwürfe gegen Hennes bestätigen, könnte das Erzbistum Größe beweisen durch eine Entschuldigung und Rehabilitierung, die keine Zweifel übrig lässt. Dann wäre der Satz „Es gilt die Unschuldsvermutung“ vom März keine hohle Floskel, sondern gelebte kirchliche Praxis.

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