Es ist vorbei – doch der Fall Lügde geht weiter

Kommentar : Es ist vorbei – doch der Fall Lügde geht weiter

Es ist vorbei. Nicht einmal ein Dreivierteljahr, nachdem der massenhafte Missbrauch auf dem Campingplatz in Lügde aufflog, und nur zehn Wochen nach Prozessstart sind die Urteile gegen die Haupttäter gefällt.

Und es sind harte Urteile. Wenn es so kommt, wie die Richterin es jetzt entschieden hat, werden Andreas V. und Mario S. niemals mehr frei sein. Damit soll die Gesellschaft, sollen vor allem Kinder vor den beiden Männern geschützt werden. Doch auch wenn diese Tatsache bei der Urteilsfindung keine Rolle spielen durfte: Es könnte auch den vielen Opfern, die durch die an ihnen verübten Gräueltaten schon längst die Strafe „Lebenslang“ erhalten haben, die Chance geben, irgendwann wieder ein Stück Freiheit zurückzuerobern.

Vieles ist in diesem Fall schief gelaufen. Nicht erst, seit die Schandtaten der Vergewaltiger aufgedeckt wurden und Ermittler schlampig bei ihren Nachforschungen zu Werke gingen. Schon seit vielen Jahren haben sich, so scheint es nach dem bisherigen Stand der Aufklärung, Behördenmitarbeiter mitschuldig an den Kindern gemacht. Sie nahmen ihren Auftrag eines schützenden Staates nicht so wahr, wie es notwendig gewesen wäre. Aus welchen Gründen, das wird noch untersucht. Es macht nichts wieder gut und ist dennoch eine gute Sache, dass nunmehr – ganz am Ende des Skandals – alles richtig gelaufen ist. Dass bei der Polizei mit Hochdruck ermittelt wurde und wird, dass die Staatsanwaltschaft Hand in Hand mit ihr zusammenarbeitete, dass das Gericht rasch, sensibel und mit aller Konsequenz seine Entscheidungsfindung betrieb. Es ist eine winzige Wiedergutmachung des Rechtsstaates für die jungen Opfer.

Vorbei ist aber nur der Prozess, der Fall Lügde wirkt nach und geht weiter. Und das ist auch gut so. Er hat bei aller Schrecklichkeit dafür gesorgt, dass der Gesellschaft unleugbar vor Augen geführt wurde: Kindesmissbrauch ist real und überall. Bei der Polizei wurden Konsequenzen bereits gezogen, um das wichtige Thema nicht mehr vom Radar zu verlieren. Dieser Prozess muss aber weit über die Sicherheitsbehörden hinaus wirken.

Juliane Kinast. Foto: Judith Michaelis

Es muss mehr Geld geben für Beratungsstellen, mehr und unbürokratische Therapiemöglichkeiten für Opfer. Es muss aufgeräumt werden und Unterstützung geleistet werden bei den Jugendämtern. Und letztlich muss jedem Menschen vor Augen geführt werden, dass es auch seine eigene Aufgabe ist, Kinder jederzeit und überall in seinem Umfeld zu schützen. Die Haltung, uns gehe nicht an, was hinter anderer Leute verschlossener Tür passiert, hat in einer verantwortungsvollen Gemeinschaft nichts zu suchen. Wir brauchen ein Hingucken, im Notfall ein Einmischen. Das hat Lügde deutlich gezeigt.

Hohe Haftstrafen und Sicherungsverwahrung im Lügde-Prozess
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