Eine letzte Saison der Vernunft

Eine letzte Saison der Vernunft

Kommentar Vor dem Start der neuen Fußball-Bundesliga-Saison

Wenn am Freitag die 53. Bundesliga-Saison losgeht öffnet, sollten Sie das Spektakel noch einmal genießen. Es gibt Gründe dafür: Einen Rekordmeister zum Beispiel, der den vierten Meistertitel in Folge zum großen Ziel aufgeblasen hat. So viel Dominanz gab es in der Liga-Geschichte noch nie. Oder: Mit André Breitenreiter und Thomas Tuchel neue und frische Trainer-Gesichter auf Schalke und in Dortmund, die im Fußball-Ruhrpott schon mit bloßer Anwesenheit Aufbruch erzeugt haben. Weil entweder der Vorgänger (Di Matteo) oder der sportliche Offenbarungseid der Mannschaft (Schalke und Dortmund) eine Saison lang für Depressionen gesorgt hatten.

Überhaupt der Fußball-Westen: BVB, Schalke, Leverkusen, Gladbach, dazu der aufstrebende 1.FC Köln — das bedeutet ganz viel Unterhaltung mit starken Trainerpersönlichkeiten, die jeweils einen ganz eigenen Stil verfolgen. Und: Freuen Sie sich auf eine Saison, die wohl zum letzten Mal mit fünf verschiedenen Anstoßzeiten auskommt.

Die zum letzten Mal eine ARD-Sportschau füllt, die ihrer einstigen Bedeutung von „Alle Spiele, alle Tore“ auch noch halbwegs gerecht wird. Denn was Fußball-Romantiker den Atem raubt, wird nach dieser Saison wahr: Getrieben von den wahnwitzigen Verhältnissen in England, wo die Clubs der Premier League dank einer exorbitanten Pay-TV-Vermarktung über vielfache Einnahmen der Bundesligisten verfügen, bricht auch die deutsche Liga (DFL) auf zu neuen Ufern: Extrem zersplitterte Spieltage werden schon bald die hektische Betriebsamkeit der Spitzenclubs rahmen, noch mehr Geld zu generieren - um nicht abgehängt zu werden.

Verrückte Verhältnisse kündigen die Manager für den Sommer 2016 an: Von einer Abwanderungswelle gen England ist die Rede. Und von einer Gehaltsexplosion für Spitzenspieler. Vom Ungleichgewicht des Weltfußballs. Da wollen wir es uns doch noch mal gemütlich machen und eine letzte Saison der Vernunft feiern. Mit einem Aufsteiger Darmstadt 98, dessen Gästekabine der eines A-Klasse Vereins vom Lande gleicht. „Bevor die Bayern kommen, wischen wir nochmal feucht durch“, hatte der Präsident angekündigt. Und wir klopfen ihm mit feuchten Augen auf die Schulter.

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