Meinung: Digitalisierung — nicht nur ein Heilsversprechen

Meinung : Digitalisierung — nicht nur ein Heilsversprechen

Die Digitalisierung macht manch einem Angst. Das sieht auch NRW-Digitalminister Andreas Pinkwart. Der FDP-Mann weiß, dass es bei dem Thema neben Begeisterung auch Verunsicherung gibt. Er selbst freilich steht eindeutig auf der Seite der Macher.

Das Strategiepapier der Landesregierung zur Digitalisierung legt den Schwerpunkt auf die Chancen. Und Pinkwart sagt auch, was passiert, wenn man diese nicht nutzt. Sein Leitspruch: Wir müssen das bei uns im Land organisieren anstatt zuzusehen, wie es woanders entsteht.

Die optimistische Perspektive, dass die Digitalisierung den Alltag einfacher und das Leben angenehmer macht, teilen nicht alle. Da ist auch die Furcht der Menschen, dass ihre Arbeitsplätze wegfallen. Oder die berechtigten Bedenken, dass die durch die Digitalisierung möglich gemachten Datenströme den Datenschutz nur noch wie einen Wunschtraum von einst erscheinen lassen.

In einem lesenswerten Aufsatz stellte kürzlich der emeritierte Bochumer Literaturwissenschaftler Manfred Schneider ein paar bedenkenswerte Fragen: „Welches politische oder soziale Problem werden die Digitalisierung oder die künstliche Intelligenz lösen? Werden sie Wohnungen bauen, den Bildungsstand erhöhen, die verseuchten Meere reinigen, die Halbwertszeiten des Atommülls verkürzen, die Migrantenströme an ihren Ursprung zurücklenken, den Populisten das Maul stopfen und die Diktatoren ins Gefängnis bringen? Werden sie die Gletscher und das arktische Eis wieder gefrieren lassen, die Kindersterblichkeit senken, werden sie den Millionen jugendlicher Arbeitsloser helfen, werden sie den Hunger stillen? Und werden sie den Verfall unserer politischen Institutionen aufhalten?“

Digital-Enthusiasten werden vermutlich selbst diese Fragen mit Ja antworten. Dabei ist gerade das Ernstnehmen der Skeptiker wichtig. Das Strategiepapier, so aufbruchsfreudig es auch daherkommt, nimmt diese Skepsis jedenfalls formal ernst. So heißt es dort, dass nicht nur Fortschrittsverweigerung schädlich sein könne. Genauso schädlich sei es, „kritische Stimmen in naiver Fortschrittsromantik an den Rand zu drängen.“ Die Kritiker haben nun Gelegenheit, sich einzumischen. Die NRW-Regierung stellt ihre Digitalstrategie ausdrücklich zur gesellschaftlichen Diskussion. Das ist bedachter als die reflexhafte Antwort der Opposition, die das Papier sofort pauschal in die Tonne kloppte.