Digitalisierung im Gesundheitswesen

Meinung : Apps mit Risiko

Gibt es ein gutes Leben ohne Apps? Viele Jüngere werden diese Frage wohl verneinen. Und auch die Älteren wissen schon lange, wie segensreich die digitalen Helfer sein können. Das gilt auch für Gesundheits-Apps.

Sie speichern Blutzuckerwerte, sagen Pollenflug ortsgenau vorher und helfen, Medikamente richtig einzunehmen. Was Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) jetzt vorhat, geht aber einen entscheidenden Schritt weiter: Er will die App auf Rezept als neuen Markt etablieren. Was bisher die Ausnahme war, soll zur Regel werden.

Im Grundsatz ist nichts dagegen zu sagen, die Chancen der Digitalisierung im Gesundheitswesen zu nutzen. Viele Wege und Stunden des Wartens ließen sich sparen. Aber Spahn macht den zweiten Schritt vor dem ersten. Eine sorgfältige Prüfung von Nutzen und Risiken, wie sie bei Arzneimitteln Standard ist, findet bei den Gesundheits-Apps nicht statt. Die Verantwortung liegt beim Arzt, der die digitale Anwendung verschreibt. Aber in den meisten Fällen sind die Mediziner nicht in der Lage, die Güte einer Software zu beurteilen. Völlig zu Recht kritisiert die Kassenärztliche Bundesvereinigung, es sei unmöglich, dass sich jeder Arzt mit einer Flut verschiedener App-Produkte beschäftige.

Bei risikobehafteten digitalen Anwendungen muss es deshalb eine Nutzenbewertung geben, bevor die App zur Kassenleistung wird. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen könnte dies durchaus leisten. Spahn hat sich aber gegen diesen Weg entschieden. Eine App muss den Nachweis, einen medizinischen Mehrwert zu bieten, erst nach einjähriger Erprobungsphase erbringen. Die digitale Anwendung kann also ein Jahr auf dem Markt sein, ohne dass ihr Nutzen erkennbar ist. Was hier schon Anfang 2020 droht, sind Gesundheits-Apps, die dem Hersteller zwar Geld bringen, aber dem Patienten nicht helfen – oder sogar schaden.

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