Dieser Islam gehört zu Deutschland

Dieser Islam gehört zu Deutschland

Kommentar Die Anti-Terror-Mahnwache von Berlin

Es war ein Signal: Ausgerechnet die deutschen Muslime riefen in Berlin zum Aufstand der Anständigen. Zum Protest gegen den Terror, der aus dem Schoß ihrer Religion gekrochen ist. Und das, obwohl der Islam hierzulande unter Druck diffus fremdenfeindlicher Bürgerbewegungen steht. Und obwohl der Terror von Paris weit weg ist.

Der Zentralrat der Muslime ist über seinen Schatten gesprungen. Er hat die Solidarität mit den Werten der europäischen Aufklärung vor seine Religion gestellt. Und er hat mit der Einbeziehung von Vertretern der christlichen Kirchen und der Juden wichtige Zeichen der religiösen Toleranz gesetzt. Für die meisten Nichtmuslime ist das selbstverständlich. Für die organisierten Muslime war es ein großer Sprung. Dieser Islam gehört zu Deutschland. Es ist gut, dass die komplette politische Spitze das durch ihre Anwesenheit dokumentiert hat. Es ist gut, dass Angela Merkel das sagt.

Unser Land definiert sich über die Werte des Grundgesetzes. Ein christlicher Fundamentalist, der Abtreibungsärzte attackiert oder Teufelsaustreibungen veranstaltet, erscheint uns genauso irre wie ein Terrorist, der irgendeinen Propheten rächen will, oder ein Neonazi, der für die arische Rasse tötet.

Es ist wahr, dass Werte wie Gleichberechtigung, Freiheit von Wort und Bild, körperliche Unversehrtheit oder freie Religionswahl in den meisten islamischen Ländern mit Füßen getreten werden. Aber die weit überwiegende Mehrheit der hier lebenden Muslime scheint diese Werte zu akzeptieren. Seit Dienstag kann man sagen: scheint sogar für sie kämpfen zu wollen.

Das ist nicht selbstverständlich für eine Religion, die viele Interpretationen zulässt. Auch die der Eiferer. Nicht in allen deutschen Moscheen wurde die Solidaritätserklärung des Zentralrats für die Pariser Opfer verlesen. Es gab und gibt die klammheimliche Freude der Salafisten und Islamisten über jeden getöteten Andersgläubigen. Es gibt Haßprediger und Terror-Tourismus. Es gibt Antisemitismus.

Die organisierte muslimische Gemeinschaft in Deutschland hat von der Kultur der Distanzierung zur Kultur der wirklichen Auseinandersetzung mit diesen Kräften gefunden. Jedenfalls wirkt es so. Es ist zu hoffen, dass sie dahinter nicht zurückfällt.

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