Meinung: Die Grundschul-Diskussion beginnt am falschen Ende

Meinung : Die Grundschul-Diskussion beginnt am falschen Ende

Man mag die Woche nach den Halbjahrszeugnissen für einen geeigneten Zeitpunkt halten, um darüber zu diskutieren, ob die „Grundschulempfehlung“, die Lehrerinnen und Lehrer in der vierten Klasse für den Übergang in die weiterführenden Schulen abgeben, künftig wieder bindend oder weiter nur empfehlenden Charakter haben sollte.

Wahrscheinlicher ist, dass diese Debatte komplett überflüssig ist.

Zwar entscheidet seit 2010 in NRW formal wieder der Elternwille, auf welche Schulform Kinder nach Abschluss der vierten Klasse wechseln. Doch in der Praxis, so bestätigen es die Schulen, folgen die Eltern dabei mehrheitlich den Empfehlungen der Grundschule; einige freilich erst nach hartnäckiger Überzeugungsarbeit, und einige eben nicht. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) mahnte deshalb nach der Zeugnisvergabe zu Recht, „sich für eine fundierte Entscheidung intensiv mit den Halbjahreszeugnissen auseinanderzusetzen und auch mit den Lehrerinnen und Lehrern auszutauschen.“

Da es aber keinen Notstand falscher Elternentscheidungen gibt, wäre die Ministerin gut beraten, weniger im luftleeren Raum darüber zu räsonnieren, ob Eltern wohl am Ende der Grundschulzeit die richtige Entscheidung für ihre Kinder treffen, sondern dafür zu sorgen, dass in den vier Jahren Grundschulzeit die „entscheidenden Grundlagen für die weitere schulische Entwicklung“ gelegt werden, wie es im Koalitionsvertrag von CDU und FDP heißt. Und: „Daher wollen wir die Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen stärken, mit besonderer Fokussierung auf die Rechtschreibung.“ Neun Monate nach der Landtagswahl hat der im Koalitionsvertrag angekündigte „Masterplan Grundschule“ das Licht der Welt nicht erblickt, und damit ist wohl kurzfristig auch nicht zu rechnen. Wenn die „weltbeste Bildung“, die die FDP den Wählern in NRW versprochen hat, nicht in der Grundschule beginnt — wo denn dann?

Wenn Kinder nach vier Schuljahren die Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rechnens nicht erlernt haben, dann ist das das Problem — und nicht, wer die Entscheidung trifft, welcher Schulform die Weiterarbeit an dieser Mangelausstattung überantwortet werden soll. Die Ministerin wäre gut beraten, sich auf die Probleme zu konzentrieren, die der „weltbesten Bildung“ im Weg stehen. Kleiner Tipp: Es ist eher nicht der Elternwille.

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