Die Grünen brauchen keine alten Grabenkämpfe

Meinung : Die Grünen brauchen keine alten Grabenkämpfe

Cem Özdemir will neuen Schwung in den Fraktionsladen bringen. Doch es muss bezweifelt werden, ob er tatsächlich der Richtige ist.

Bei den Grünen war es lange Zeit so, dass die Parteiführung im Schatten der Bundestagsfraktion stand. In der öffentlichen Wahrnehmung bildeten die Abgeordneten  gewissermaßen das Machtzentrum, während die Parteivorsitzenden häufig nur eine Nebenrolle spielten. Das entsprach auch dem traditionell wenig autoritätsfixierten Denken der Parteibasis.

Mit dem amtierenden Führungsduo Annalena Baerbock und Robert Habeck haben sich die Verhältnisse nun glatt umgekehrt. Beide harmonieren gut miteinander, beide sind starke Persönlichkeiten. Gegen sie sieht die amtierende  Fraktionsspitze tatsächlich ziemlich alt aus. Sowohl Katrin  Göring-Eckardt als  auch Anton Hofreiter wirken jedenfalls so, als seien sie schon immer dagewesen. Nun will Cem Özdemir neuen Schwung in den Fraktionsladen bringen. Auch ein alter Bekannter. Schon deshalb muss bezweifelt werden, ob er tatsächlich der Richtige dafür ist.

Ein Kommentar von Stefan Vetter. Foto: k r o h n f o t o . d e

Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass die Grünen von der Umkehrung der Verhältnisse mächtig profitiert haben. In den demoskopischen Befunden steht die Partei so gut da wie kaum zuvor in ihrer Geschichte. Natürlich auch, weil ihr Parade-Thema, der Klimaschutz, zum politischen Dauerbrenner geworden ist. So gesehen kommt der Vorstoß von Özdemir also ohne Not. Andererseits ist es natürlich ein ganz normaler demokratischer Vorgang, wenn es mehr Kandidaturen gibt, als Spitzenposten zu vergeben sind. Bei Göring-Eckardt dürfte sich mancher ohnehin schon gefragt haben, wie  ihr vor zwei Jahren die Wiederwahl zur Fraktionsvorsitzenden gelingen konnte, derweil sie als Spitzenkandidatin ihrer Partei das schwache Abschneiden bei der letzten Bundestagswahl  maßgeblich mitzuverantworten hatte. Als Co-Spitzenkandidat war Özdemir allerdings genauso daran beteiligt. Zweifellos hat er Sympathiewerte, die ihn zeitweise sogar zum beliebtesten Bundespolitiker aufsteigen ließen. Tatsache ist aber auch, dass Özdemir aus seinem derzeitigen Vorsitz des Ausschusses  für Verkehr und digitale Infrastruktur    erschreckend wenig macht.

Ja, Demokratie lebt vom Wechsel. Und die gegenwärtige Besetzung der grünen Fraktionsspitze ist sicher kein Idealzustand. Allerdings sollte sich die Fraktion nicht in eine Personaldebatte treiben lassen, die womöglich nur noch als Selbstbeschäftigung oder gar Selbstblockade wahrgenommen wird. Das tun  andere Parteien schon genug. Die neue Stärke der Grünen liegt tatsächlich auch darin, alte Grabenkämpfe  hinter sich gelassen zu haben. Das honorieren die Wähler ebenfalls. Der Bundestagsfraktion sollte das eine Lehre sein.

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