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Der erste Ischgl-Prozess um das aus dem Skigbiet verbreitete Virus

Kommentar : Corona im Skigebiet: Sinn des Ischgl-Prozesses

Bei dem am Freitag begonnenen ersten Amtshaftungsprozess um die im österreichischen Ischgl gemachten Fehler in Sachen Covid-Infektionen geht es um mehr als nur um Geld. Es geht um Aufarbeitung. Und darum, aus den Fehlern zu lernen.

Ganze 100.000 Euro Entschädigung für den Tod des am Coronavirus gestorbenen Ehemannes. Natürlich kann diese in Wien eingeklagte Forderung im ersten Amtshaftungsprozess um die Geschehnisse im Skigebiet von Ischgl im März 2020 dem Wert eines Lebens niemals gerecht werden.

Aber es geht um viel mehr als den Einzelfall und weitere Folgeprozesse. Es geht darum zu klären, ob Behörden versagt haben. Ob sie verantwortlich dafür waren, dass das Virus in der damals noch „jungen“ Pandemie verteilt wurde in viele andere europäische Regionen – und so zur Saat werden konnte für weitere Infektionen. Es geht darum, ob da den kommerziellen Interessen an einem möglichst lange aufrechterhaltenen Ski- und Après-Ski-Betrieb in diesem „Ballermann der Alpen“ der Vorrang gegeben wurde – gegenüber der Gesundheit der Gäste.

Gewiss, der Einwand der zur Verantwortung Gezogenen liegt nahe: Der Wissensstand über die Gefährlichkeit des Virus, die Art, wie es sich verbreitet, war damals ein anderer als heute. Das wird eine Rolle spielen in dem Prozess. Aber eben auch, dass andere die Gefahr durchaus erkannt haben – nämlich die isländischen Gesundheitsbehörden, die nach der Testung von Ischgl-Heimkehrern auf ihre Insel Alarmsignale gaben.

Doch der  Ski- und Feierzirkus lief trotzdem noch tagelang weiter. Und es wird zu klären sein, wieso es zu chaotischen Szenen bei der Abreise der Gäste kam, in engen Reisebussen, in denen die Menschen erst recht der Ansteckungsgefahr ausgeliefert waren.

Ein Amtshaftungsprozess soll Verantwortlichkeiten klären, eine Rückschau also. Doch das Aufarbeiten einer solchen Katastrophe wirkt immer auch in die Zukunft. So wie beispielsweise im Düsseldorfer Loveparade-Prozess. Auch dieser hatte zwar kein befriedigendes Ende für die Angehörigen der Opfer. Aber die Ursachenanalyse fließt ein in künftige Planungen von Großereignissen. Und verhindert so bestenfalls spätere Katastrophen. Ebenso kann die Aufarbeitung der Versäumnisse von Ischgl ein Lehrstück für die Zukunft sein.