1. Meinung

Das Internet hat seine Unschuld verloren

Das Internet hat seine Unschuld verloren

Fall Snowden muss auch euphorische Nutzer umdenken lassen

Der Flug SU213, der am Sonntag auf dem Moskauer Airport Scheremetjewo landete, hat das Potenzial zu einem handfesten Krach zwischen Russland und den USA. Denn genau wie in Hongkong wird es auch hier keine Auslieferung des Geheimdienstspezialisten Edward Snowden geben. Die Supermacht USA muss hilflos zusehen, wie der „Verräter“ — und das ist er in ihren Augen — munter um die Welt fliegt und am Ende in einem Staat landet, aus dem sie ihn nicht herausbekommt. Aus amerikanischer Sicht ist das ein Skandal.

Aus der Warte der restlichen Welt ist etwas ganz anderes ein Skandal — mit historischen Dimensionen sogar. Viele sind ob Snowdens Enthüllungen geschockt. Zeigen sie doch, wie dreist und ohne Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte sich offenbar amerikanische und britische Dienste Einblicke in sehr Persönliches verschaffen. Dass sie dies tun, um terroristische Anschläge zu verhindern, ist eine nachvollziehbare und ehrenhafte Erklärung, die allerdings die Dimension kaum rechtfertigt. Und handeln so wirklich nur Amerikaner und Briten? Schwer zu glauben.

Abgesehen von der nötigen politischen Aufarbeitung ist nach dem Fall Snowden das persönliche Umdenken wichtig. Selbst euphorisch Technikgläubige sollten in ihrem Glauben an die Unschuld des Internets erschüttert sein. Es bietet fantastische Möglichkeiten, sich zu informieren, sein Leben aktiv zu gestalten und sich mit so vielen Menschen wie nie auszutauschen. Doch all diesen Chancen stehen immense Risiken gegenüber, die ab sofort niemand mehr ausblenden kann.

Insofern hat Angela Merkels etwas missverständliche Aussage, das Internet sei für uns Neuland, durchaus Sinn. Denn die meisten Nutzer haben noch immer nicht begriffen, was sie anrichten, wenn sie hemmungslos sehr private Nachrichten und Fotos der gesamten Welt zugänglich machen. Erst jüngst haben wir erlebt, dass auch soziale Netzwerke mit eigentlich vertraulichen Informationen schlampig umgehen.

Wer seine Privatsphäre schützen will, der hat nur eine Möglichkeit: Sich gut zu überlegen, was er im Netz preisgibt und nach was er bei großen Suchmaschinen fahndet. Die ersten Nutzer haben das begriffen, wie die hochgeschnellte Verwendung kleinerer Suchportale zeigt.