Das Gift des Antisemitismus

Meinung : Das Gift des Antisemitismus

Jetzt machen alle den Hass verantwortlich – als wäre er eine Person wie der 46 Jahre alte Rechtsradikale in Pittsburgh. Der Papst spricht von den Brandherden des Hasses, die Kanzlerin von blindem, antisemitischem Hass, der Präsident beklagt in seiner ersten Reaktion auf den Mord an elf Synagogenbesuchern allgemein den Hass in den USA.

Aber Hass ist nicht einfach da. Er braucht Menschen, die ihn fördern, nähren, freisetzen, salonfähig machen. Und die von einer Atmosphäre des Hasses profitieren wollen.

Es führt keine einfache Linie von Donald Trump zu dem Mörder von Pittsburgh. Hat sich der Präsident nicht mit dem Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem unzweideutig an die Seite des Staates Israel gestellt? Und ist nicht sein eigener Schwiegersohn Jude?

Aber zugleich ist es Trump, der in den USA in beispielloser Weise Hass als politisches Instrument etabliert hat. Rechtsextreme Rassisten, die einmal das Gefühl bekommen haben, in ihrem Sündenbockdenken gesellschaftlich legitimiert zu sein, lassen sich aber nicht mehr sagen, dass sie doch bitteschön nur Muslime und Migranten hassen sollen, aber keine Juden. Entfesselter Hass ist eben das: außer Kontrolle. Es spricht Bände, wie Trump diese Kontrolle wiederherstellen will: durch bewaffnetes Sicherheitspersonal und eine schneller vollstreckte Todesstrafe.

Trump hat damit instinktsicher die „Verrückten“ und „Fanatiker“ als Verantwortliche ausgemacht, die „wirklich den ultimativen Preis zahlen“ sollen für das „tödliche Gift des Antisemitismus“. Aber er wird damit weder in den USA noch weltweit der Diskussion entkommen, wie viele Bestandteile des Giftcocktails denn zu seinen eigenen Instrumentarien der politischen Auseinandersetzung zählen. Die Woche, die mit Briefbomben gegen Trump-Gegner begann und mit einem antisemitischen Massaker endete, wirft wieder neu die Frage auf nach der Verantwortung des Präsidenten selbst.

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