Bundesrat gibt grünes Licht: Die E-Scooter und der Kampf um die Städte

Mobilität : Die E-Scooter und der Kampf um die Städte

Der Bundesrat hat E-Scootern auf deutschen Straßen grünes Licht gegeben. Eine verkehrspolitische Wende bedeutet das nicht, es wird eher zu mehr Konflikten führen.

E-Scooter sind ein Fortschritt. Sie bewegen sich umweltfreundlich und brauchen viel weniger Platz als Autos. Trotzdem bedeutet der Beschluss des Bundesrates vom Freitag, der den Weg für diese Geräte freimacht, verkehrspolitisch keine Wende. Jedenfalls nicht für die Städte. Im Gegenteil, zu erwarten ist, dass die Konflikte zunehmen. Zumal die neuen Geräte den Verkehr dort nur zusätzlich belasten, so wie schon das Car-Sharing.

Wenn man ein Ranking aufstellt nach Gesundheit (der eigenen und der der anderen), Umweltfreundlichkeit, Mobilität und Kosten (privaten wie öffentlichen), dann liegt das Fahrrad in den Städten ganz vorne. Die meisten Strecken betragen nur wenige Kilometer und sind damit locker zu bewältigen. Gefolgt vom Fußgängerverkehr und natürlich dem ÖPNV. Das Auto schneidet in allen Kategorien mit Abstand am schlechtestes ab; nicht einmal die Mobilität kann es wegen der Staus noch garantieren.

Das Problem bei der E-Sooter-Entscheidung ist, dass das neue Verkehrsmittel ausgerechnet dem besten Verkehrsträger den Platz streitig machen soll. Und dass, obwohl es ohnehin an einer guten Infrastruktur für den Radverkehr mangelt. Es ist da auch kein Trost, dass quasi in letzter Minute die ursprüngliche Absicht, die E-Treter den Fußgängern in die Hacken zu schicken, fallen gelassen wurde. Das Auto, von dem jedes mindestens zehn Quadratmeter Parkfläche und noch mehr im Verkehr beansprucht, bleibt wieder weitgehend unangetastet.

Das kann bei wachsenden Städten nicht so weiter gehen. Eine Umverteilung des Platzes ist inzwischen eine Frage der praktischen Vernunft geworden, jenseits aller ökologischen Begründungen. Die Nicht-Autofahrer machen in den Städten die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer aus. Sie sollten es nicht länger hinnehmen, dass in der Regel eine einzige Person unter großer Umweltbelastung ein Zwei- bis Dreitonnengefährt durch ihre Straßen steuert und dafür allen Platz beansprucht. Eine grundlegende Veränderung ist auch im Interesse des Einzelhandels, der nur so wieder eine Chance gegen die Supermärkte an den Schnellstraßen hat. Und Hausbesitzer wie Mieter werden aufatmen, wenn die Straßen keine Abgas- und Lärmschneisen mehr sind.

Gewerbe, Gebrechliche und Taxis einmal ausgenommen, können fast alle Autofahrten in den Städten sehr schnell ersetzt werden. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Eine Verkehrswende erfordert viele Investitionen, in den öffentlichen Verkehr, in Radwegenetze, in Park-and-Ride-Systeme. Aber beginnen muss sie endlich. Wenn der Beschluss zu den E-Scootern etwas Gutes hat, dann vielleicht, dass er die Mehrheit der Stadtbewohner mobilisiert, sich den automobilen Wahnsinn nicht länger gefallen zu lassen. Eine City-Maut ist oft ein guter Anfang. Fast überall gibt es die Möglichkeit kommunaler Volksentscheide. Die Bürger sollten sie nutzen.

Werner Kolhoff. Foto: nn
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