Meinung: Beliebter Doppelpass - Kein Grund zur Sorge

Meinung: Beliebter Doppelpass - Kein Grund zur Sorge

Der Doppelpass war in Deutschland immer schon ein Reizthema. Man erinnere sich nur an die Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft vor nunmehr fast zwei Jahrzehnten in Hessen. Ihrem Initiator und damaligen CDU-Spitzenkandidaten Roland Koch bescherte sie seinerzeit einen unverhofften Sieg bei der dortigen Landtagswahl.

Zuletzt flammte die Debatte öfter im Zusammenhang mit den Sympathiebekundungen vieler hier lebender Türken für Recep Tayyip Erdogan, den Autokraten vom Bosporus, auf. Und nun zeigen aktuelle Zahlen, dass mittlerweile sechs von zehn in Deutschland eingebürgerten Menschen den Pass aus ihrem Herkunftsland behalten. Aber muss man sich darüber wirklich Sorgen machen? Nein, das muss man nicht.

Lange Zeit basierte die deutsche Staatsangehörigkeit auf dem Abstammungsprinzip. Demnach war nur Deutscher, wer deutsche Eltern hatte. Das änderte sich erst vor vier Jahren. Damals wurde der Zwang aufgehoben, dass sich in Deutschland aufgewachsene Kinder von ausländischen Eltern als junge Erwachsene für eine Staatsbürgerschaft entscheiden müssen. Es war eine späte politische Anerkennung der Tatsache, dass Deutschland längst zum Einwanderungsland geworden war, in dem man eine gesellschaftliche Vielfalt lebt.

Genauso wie übrigens in einer Vielzahl anderer Staaten. Mittlerweile wird der Doppelpass in fast jedem zweiten Land der Erde toleriert. Die spürbar steigende Zahl der Menschen mit zwei Pässen in Deutschland hat darüber hinaus mit Sonderregelungen für EU-Bürger zu tun und natürlich auch mit den Flüchtlingen. Wenn im vergangenen Jahr beispielsweise kein einziger eingebürgerter Afghane oder Syrer auf seinen ursprünglichen Pass verzichtete, dann auch deshalb, weil das nach den Gesetzen ihrer Herkunftsländer schwerlich oder gar nicht möglich ist.

Nun hat es nicht an Versuchen gemangelt, das Rad der Geschichte wieder zurückzudrehen. Für eine Abkehr von den Regeln der doppelten Staatsbürgerschaft hatte sich die CDU vor zwei Jahren sogar per Parteitagsbeschluss ausgesprochen. Doch was wäre damit eigentlich gewonnen? Untersuchungen zeigen, dass sich Migranten in Staaten, in denen der Doppelpass erlaubt ist, häufiger einbürgern lassen als in Staaten, die sich dagegen sperren. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass der Doppelpass die Integration sogar eher begünstigt als verhindert.

Mehr von Westdeutsche Zeitung