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Bayer muss weniger Strafe zahlen

Meinung : Bayer, Glyphosat und die Angst vor den US-Gerichten

Was wie eine gute Nachricht für Bayer klingt, ist in Wahrheit eine schlechte: Zwar hat ein US-Gericht in einem Glyphosat-Prozess gegen die Bayer-Tochter Monsanto die Strafzahlung drastisch reduziert. Aber in der Sache selbst bleibt das Gericht hart und hält Monsanto unverändert für schuldig.

In ihrer Begründung lehnt sich die Richterin Winifred Smith weit aus dem Fenster. Aus ihrer Sicht gibt es „entscheidende Beweise“ dafür, dass der Wirkstoff Glyphosat für die Krebserkrankung der Kläger verantwortlich ist. Der Hersteller hätte vor den Risiken warnen müssen. Zudem gebe es Beweise, dass Monsanto wissenschaftliche Untersuchungen über die krebserregende Wirkung des Herbizids verhindert oder verzerrt habe. Smith fährt schweres Geschütz auf, sehr schweres sogar.

Inzwischen gibt es drei noch nicht rechtskräftige Urteile gegen den deutschen Konzern in den USA. Rund 13 400 Klagen sind in Sachen Glyphosat anhängig. Dienstag legt Bayer seinen Halbjahresbericht vor, vermutlich wird dann eine noch höhere Zahl von Klagen genannt. Trotzdem bleibt Bayer-Chef Werner Baumann gelassen. Aus seiner Sicht stehen die Urteile in direktem Widerspruch zu zahlreichen Studien, die Glyphosat bescheinigen, unbedenklich zu sein. Auch die US-Umweltbehörde teilt diese Einschätzung. Alle Klagen gegen Monsanto/Bayer fußen im Kern nur darauf, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Unkrautvernichter als „wahrscheinlich krebserregend“ einstuft. Allerdings bewertet die WHO dabei nur das mögliche Gefährdungspotenzial einer Substanz. Eine Aussage über die krebserregende Wirkung bei sachgerechter Anwendung gibt es nicht.

Bayer setzt auf die nächsten Instanzen und die dort zuständigen Berufsrichter, nachdem die Geschworenen in den ersten Runden maßgebend waren. Von den Berufsrichtern erhofft sich der Konzern größeres Augenmerk auf die immer wieder zitierten Studien zur Sicherheit von Glyphosat. Vielleicht hat der Bayer-Chef recht mit seiner Zuversicht. Vielleicht werden die Klagen tatsächlich zurückgewiesen. Oder Bayer schließt Vergleiche, die den Konzern nur mit einem sehr niedrigen Milliardenbetrag belasten. Dann schießt der drastisch gesunkene Aktienkurs wieder in die Höhe, Baumann wäre der Star. Es kann aber auch anders laufen. Wenn Richterin Winifred Smith recht hat und Glyphosat zweifelsfrei Krebs erzeugt, muss Bayer Schadenersatz in einem hohen zweistelligen Milliardenbereich leisten. Dann ist die Gefahr groß, dass ein 156 Jahre altes Unternehmen übernommen oder zerschlagen wird. US-Gerichte entscheiden, ob Bayer eine Zukunft hat.