Bayer, Glyphosat und das große Zittern

Meinung : Bayer, Glyphosat und das große Zittern

Wenn Bayer-Chef Werner Baumann am Mittwoch in Leverkusen die Bilanz für 2018 erläutert, interessiert eine Zahl besonders, die nichts mit dem Kerngeschäft zu tun hat. Es geht um Schadensersatzklagen in den USA.

Bislang war von 9300 solcher Klagen gegen Glyphosat wegen angeblicher Krebsgefahr die Rede. Gut möglich, dass Baumann von einer noch weit höheren Zahl berichten muss. Die Prozesse um den umstrittenen Unkrautvernichter werden die US-Gerichte noch auf Jahre beschäftigen. Und die negativen Schlagzeilen bleiben dem Unternehmen noch lange erhalten.

Als Bayer im vergangenen Jahr für rund 63 Milliarden Dollar das US-Unternehmen Monsanto übernommen hat, spielten Prozess-Risiken in diesem Ausmaß keine Rolle. Alle hatten zwar das schlechte Image der Gentechnik-Firma auf dem Zettel. Aber dieses Problem glaubte Baumann rasch lösen zu können, in dem er den Namen Monsanto untergehen lässt. Doch dann kam der Prozess des krebskranken Hausmeisters Dewayne Johnson, der auf Schul-Sportplätzen sein halbes Leben mit Glyphosat gesprüht hatte. Die Geschworenenjury befand, dass das von Monsanto hergestellte Glyphosat haltige Mittel Roundup für seinen Lymphdrüsenkrebs verantwortlich ist. Bayer soll 78 Millionen Dollar Schadensersatz zahlen. Noch ist über die Berufung nicht entschieden. Aber die Angst, dass sich ein solcher Schuldspruch tausendfach wiederholen könnte, geht um in Leverkusen. Und nicht nur dort. Die Bayer-Aktie, 2015 pro Stück mehr als 140 Euro wert, sackte zeitweise unter 60 Euro ab. Der Börsenwert des Gesamtkonzerns entspricht in etwa jener Summe, die Bayer nur für Monsanto gezahlt hat.

Baumann ist sicher, dass Glyphosat bei sachgemäßer Anwendung unbedenklich ist. Sämtliche Zulassungsbehörden folgen ihm in dieser Einschätzung. Nur die Weltgesundheitsorganisation stuft das Mittel als „wahrscheinlich krebserregend ein. Das gilt aber auch für rotes Fleisch, heiße Getränke oder Schichtarbeit. Aber darum geht es nicht. Entscheidend ist vielmehr, dass allein die Möglichkeit, Krebs auslösen zu können, den Ausschlag geben könnte. Baumann und seine Juristen haben dieses Risiko unterschätzt. Und sie haben es mit US-Kanzleien zu tun, die darauf spezialisiert sind, Schadensersatzklagen gegen Konzerne durchzuziehen. Trotzdem bleibt der Bayer-Chef bei seiner Zuversicht. Er ist sicher, dass sein Unternehmen am Ende der Verfahren nicht schuldig gesprochen wird. Und dass dann seine Strategie, durch die Monsanto-Übernahme zum weltweit führenden Saatgut-Hersteller aufgestiegen zu sein, Früchte trägt. Vielleicht hat er recht, vielleicht aber auch nicht.

Kommentar von Rolf Eckers. Foto: Sergej Lepke
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