1. Meinung

Altwerden in Würde kostet Geld

Altwerden in Würde kostet Geld

In Deutschlands Pflegeheimen liegt noch viel im Argen.

Der Gang ins Pflegeheim ist der schwierigste Weg, den ein Mensch in seinem Leben beschreitet, und er fällt niemandem leicht — weder dem Betroffenen selbst noch dessen Angehörigen.

Deshalb die gute Nachricht vorneweg: Pflegedienste und -heime arbeiten deutlich besser als noch vor fünf Jahren, als ein Bericht teils skandalöse Zustände in der Altenpflege in Deutschland aufdeckte.

Die Tatsache, dass es damals jedem dritten Betroffenen an Nahrung und Flüssigkeit mangelte, führte zur Entwicklung von Standards und regelmäßigen Qualitätskontrollen. Das macht es Familien heute leichter, den schweren Schritt zu gehen, ihre Senioren ins Heim zu geben.

Dennoch — und damit folgt die schlechte Nachricht gleich hinterher — liegt noch vieles im Argen. Dass rund 140 000 Pflegebedürftige mit Gittern oder Gurten im Bett oder Rollstuhl gefesselt werden, ist alarmierend, und es weckt eine Ur-Angst im Menschen — das Heim als eine Art Wartesaal auf den Tod, in dem die Bewohner die letzten Monate oder Jahre dahindämmern.

Letztlich zeigen die aktuellen Missstände vor allem aber die größte Schwachstelle im System: die fortwährende Personalnot.

Diese wirkt sich gerade auf die Betreuung von Demenzkranken aus, deren Zahl sich in den vergangenen Jahren fast verdoppelt hat. Die Pflege der meist noch mobilen Patienten ist aufwendig und zeitintensiv.

Die Betroffenen brauchen Abwechslung, Zuwendung und Rituale, um das zurückzugewinnen, was ihnen die Krankheit nimmt: Lebensfreude und Selbstbestimmung.

Aber in vielen Fällen fehlen Mitarbeiter, die sich ihnen angemessen widmen können. Um den Personalaufwand möglichst gering zu halten, werden die Patienten oft zwangsweise fixiert. Denn für jedes Heim ist es ein Alptraum, wenn Alzheimer-Kranke bei ihren Alleingängen stürzen und verunglücken.

Mit Blick auf die demografische Entwicklung wird die Pflege künftig noch stärker zu einem wichtigen Eckpfeiler in der gesundheitlichen Versorgung. Wobei diese Pflege mehr umfassen muss als mechanische Handgriffe.

Ein würdiges Altwerden gibt es nicht zum Nulltarif. Darüber sollten sich Politik wie Gesellschaft im Klaren sein. Die Pflegereform der Bundesregierung ist ein erster, wichtiger Schritt. Ein Meilenstein ist sie noch nicht.