Meinung: Abschied von Volkskirche: Zäsur im Selbstverständnis

Meinung: Abschied von Volkskirche: Zäsur im Selbstverständnis

Der Begriff der „Volkskirche“, so wie ihn die evangelische Kirche in der Tradition Friedrich Schleiermachers (1768-1834) als Teil ihres eigenen Selbstverständnisses ansah, dient als Beschreibung einer kirchlichen Struktur, bei der — so das „Glaubens-ABC“ der Evangelischen Kirche in Deutschland — „die Kirchenzugehörigkeit für ein Volk oder einen großen Teil der Bevölkerung normal ist“.

Von der Frage abgesehen, was heutzutage schon noch normal ist, ist die nüchterne Feststellung des Düsseldorfer EKD-Ratsmitglieds Jacob Joussen richtig, dass es langsam rein quantitativ schwierig wird, von einer „Volkskirche“ zu sprechen, wenn ihr immer weniger Volk angehört. Die Evangelische Kirche im Rheinland, aber nicht einmal die Evangelische Kirche in Deutschland sind mit diesem Problem allein. Der katholischen Kirche geht es nicht besser.

Als der heutige Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki vor fünf Jahren Erzbischof von Berlin wurde, erklärte er in einem seiner ersten Interviews: „Ich hoffe, die Kirche bleibt Volkskirche in dem Sinne, dass sie Kirche für die Menschen ist. Aber was wir gemeinhin mit Volkskirche bezeichnet haben, wird es nicht mehr geben.“ Die Fragen, die sich daraus ergeben, reichen aber weit über die Folgen für Kirchen- und Gemeindestrukturen, schwindende Finanzen und den Umgang mit nicht mehr benötigten Kirchengebäuden hinaus.

Die evangelischen Landeskirchen könnten sich ebenso wie die katholischen Bistümer (allein in der Kirchenprovinz Köln sind es fünf) natürlich fragen, ob sie nicht weitere Teile ihrer Verwaltungsapparate verschmelzen könnten. Aber vielmehr müssen sich die nach Zahlen schrumpfenden Kirchen die Frage stellen, welche Bedeutung sie in der Gesellschaft künftig haben und welche Rolle sie spielen wollen.

Für die Evangelische Kirche im Rheinland ist bislang gültig, was die Barmer Theologische Erklärung von 1934 als sechste These festlegt: den Auftrag der Kirche die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten „an alles Volk“. Dieses Selbstverständnis können beide Konfessionen nicht durchhalten, wenn sie es „flächendeckend“ verstehen. Es ist im Interesse beider Kirchen, zum Lutherjahr 2017 (500 Jahre Reformation) eine zukunftsfähiges Vision ihrer selbst präsentieren zu können.

Mehr von Westdeutsche Zeitung