1. Meinung

36 Prozent — und nur ein bisschen glücklich

36 Prozent — und nur ein bisschen glücklich

Auf den ersten Blick verblüffen die hohen Rentenprognosen

Von Euphorie getrieben können sich Rentner heute auf dem Weihnachtsmarkt einen kräftigen Schluck Glühwein gönnen. Denn wenn das Bundeskabinett am Mittwoch über den neuen Rentenversicherungsbericht berät, liegen dem aus Sicht der älteren Bevölkerungsgruppen unglaublich erfreuliche Zahlen zu Grunde: Bis 2026 sollen die monatlichen Zahlungen um 36 Prozent steigen. Was nach einem Grund zum Feiern klingt.

Der Wert überrascht in Zeiten, in denen Zitate wie „Die Rente ist sicher“ auf Kabarettbühnen mit der Garantie zum Lacherfolg eingesetzt werden. Die Zahl verblüfft, weil objektiv erscheinende Statistiken und politisch motivierte Auguren das Gespenst der weit verbreiteten Altersarmut beschwören. Wir registrieren also erfreut: Ganz so schlimm kommt es offenbar nicht.

Allerdings muss man die 36 Prozent relativieren. Denn auch sie sind nur eine Vorhersage, die derzeit relativ gut ausfällt, weil es der Wirtschaft gut geht. Es gibt viele Berufstätige, die zudem wachsende Gehälter überwiesen bekommen. Das sind Faktoren, die die Rentenvorhersage beeinflussen. Im Umkehrschluss: Lahmt in den nächsten Jahren die Konjunktur, sind die 36 Prozent Rentensteigerung nicht zu halten. Einen weiteren Dämpfer erhält die Vorfreude der Ruheständler durch die Inflation. Denn wenn die bis 2026 auf dem heutigen Niveau bleibt, hat man auch bei 36 Prozent mehr Rente nicht mehr Kaufkraft als heute.

Doch selbst wenn die Renten effektiv steigen, darf das für heute Berufstätige kein Alibi sein, sich zurückzulehnen und das Geld mit vollen Händen auszugeben. Die gesetzliche Rente allein wird im Alter nie für einen vernünftigen Lebensstandard ausreichen. Wer nicht privat vorsorgt — und das idealerweise über Jahrzehnte —, wird später darben müssen.

Zu Unrecht etwas weniger beachtet ist im Bericht die Entwicklung der Leistungen in Ost und West. Demnach wird es nämlich sogar bis 2030 dauern, bis überall die gleiche Leistung fließt. Das ist dann mehr als 40 Jahre nach der Vereinigung nur legitim. Denn der etwas bizarre Sondereffekt, dass Ost-Rentner bislang häufig besser als ihre West-Kollegen dastanden, weil sie nie arbeitslos waren oder selten wegen Kindererziehung zu Hause blieben, hat sich bis dahin sicherlich erledigt.