Zwingli: Der Schweizer Name für die Reformation

Protestantismus : Zwingli - Der Schweizer Name für die Reformation

Mit dem Film „Zwingli – Der Reformator“ gerät der zweite große protestantische Strang neben der lutherischen Ausprägung wieder stärker in den Blick.

Als Ulrich Zwingli in Zürich eintrifft, schneit es leicht. Sein Blick fällt auf das Grossmünster. Am 1. Januar  wird er hier seine erste Predigt als Leutpriester halten. Und in der Folge die Stadt und das Land verändern. Man schreibt den Winter 1518/19.

So beginnt der Spielfilm „Zwingli – Der Reformator“ von Stefan Haupt, der am Dienstag in Essen seine NRW-Premiere erlebte und am 31. Oktober in die deutschen Kinos kommt. Das Datum ist wie schon bei der Deutschlandpremiere des Films „Luther“ 16 Jahre zuvor kein Zufall: An diesem Tag gedenken evangelische Christen in Deutschland und Österreich der Reformation. In der Schweiz wird der erste Sonntag im November als Reformationssonntag begangen.

Dort, im Geburtsland Zwinglis, gilt dessen Ankunft in Zürich als der Beginn des kirchlichen Umbruchs, weswegen die Schweizer erst seit Januar 500 Jahre Reformation feiern. Das haben die Deutschen schon vor zwei Jahren hinter sich gebracht und sich dabei an Luthers mutmaßlichem Thesenanschlag 1517 in Wittenberg orientiert. Nimmt man dann noch das Calvinjahr hinzu, das 2009 an den 500. Geburtstag des Genfer Reformators Johannes Calvin erinnerte, hat man nicht nur drei alternative Gedenkjahre beisammen, sondern auch drei Namen, die für die protestantische Vielfalt stehen, die sich aus dem Aufbegehren gegen die Kirche des frühen 16. Jahrhunderts entwickelt hat.

Der Zwingli-Film ist dabei eine gute Chance, nach der Luther-Dominanz der vergangenen Jahre den Blick auf den zweiten großen Zweig der Reformation zu richten, der vom Wirken Zwinglis in Zürich und Calvins in Genf in die reformierten Kirchen mündete.  Die reformierte Tradition ist heute vor allem in der Schweiz, den Niederlanden und Schottland stark vertreten, aber zur Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen gehören 105 Länder und rund 80 Millionen evangelisch-reformierte Christen.

Im Rheinland sind die Gemeinden seit zwei Jahrhunderten vereint

Im Rheinland, wo sich reformierte Gemeinden vor allem im Bergischen Land und am Niederrhein gebildet hatten, sind die Spuren vielerorts verwischt, seit der preußische König Friedrich Wilhelm III. im September 1817 einen Aufruf zur Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden erließ. Aber noch heute lässt sich am weißen Beffchen, dem Kragen des Talars, das Bekenntnis des Pfarrers oder der Pfarrerin erkennen: Zwei geöffnete Stoffstreifen verweisen auf die lutherische, zwei geschlossene auf die reformierte Tradition. Und nur halb zusammengenähte Streifen stehen für die unierte Mischform.

Zu Zwinglis Zeiten wäre eine solche Union noch undenkbar gewesen. Zu sehr waren die Reformatoren zerstritten. Luther und Zwingli sind sich ohnehin nur ein einziges Mal  1529 in Marburg begegnet. Dort gelang es ihnen nicht, ihren Streit um das Abendmahl beizulegen. Denn nicht nur zwischen Katholischen und Evangelischen gibt es Unterschiede im Verständnis, auch die Protestanten selbst gerieten wegen der Frage massiv aneinander, ob Jesus Christus im Abendmahl in Brot und Wein nun  wirklich gegenwärtig sei oder ob es sich nur um ein Symbol handele.

Davor lagen zehn Jahre, in denen Zwingli sich immer mehr von der römischen Kirche distanziert und schließlich die Reformation in Zürich abgeschlossen hatte. Berühmt ist seine Schrift gegen das Fasten und seine Beteiligung am Zürcher Wurstessen am ersten Sonntag der Fastenzeit. Und anders als Luther vertrat Zwingli nicht die strikte Trennung von Weltlichem und Kirchlichem. Für ihn waren Glaube und Politik untrennbar.

Nicht trennbar ist auch die Reformation von schrecklichen Konflikten und Verfehlungen. Wie Luthers Wirken von seinem Wüten gegen die aufständigen Bauern und im Alter von seinem Judenhass überschattet ist, so gilt das für Zwingli und sein Verhältnis zur Täuferbewegung. Diese radikalen Reformer, deren Anführer zunächst an seiner Seite standen, gerieten wegen ihrer Ablehnung der Kindertaufe und einer großen Distanz zu jeder Form von Obrigkeit zusehends zum Feindbild. Auf Zwinglis Drängen wurden sie vertrieben, gefoltert und ermordet.

Blutig war dann auch Zwinglis eigenes Ende. Im Religionskrieg gegen die katholischen Kantone wurde er 1531 im Alter von 47 Jahren gefangengenommen und getötet.

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