Zum 25. Todestag: Was sagt uns Böll heute?

Zum 25. Todestag: Was sagt uns Böll heute?

Der Schriftsteller Heinrich Böll ist heute vor 25 Jahren gestorben. Marcel Reich-Ranicki sagt, er sei vergessen.

Köln. Diese Geste wird der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki dem Menschen Heinrich Böll nicht vergessen. Als Reich-Ranicki 1958 mit seiner Frau von Polen nach Deutschland zog, buchstäblich nichts hatte, besuchte Böll die beiden und brachte einen Blumenstrauß mit.

Zu dem Schriftsteller Böll steht Reich-Ranicki etwas anders: "Er ist weitgehend vergessen", sagte der Literaturkritiker unlängst in einem Interview. 25 Jahre nach dem Tod des Nobelpreisträgers erinnern sich viele an einen der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit - doch die Frage schwingt mit: Wie aktuell ist Böll heute noch?

Für Reich-Ranicki war Böll kein "Sprachkünstler". Viele seiner Geschichten und Figuren findet er künstlich. Andere Leser ergötzen sich gerade am originellen Zuschnitt seines Personals, an der Ironie seiner Beschreibungen. Und wer ihn je hat reden hören, für den klingt dieser rheinische Singsang aus jeder seiner Zeilen. Dass Böll "eine Nase hatte für Themen, die den Deutschen auf den Fingern brannten", gibt auch Reich-Ranicki zu.

Denn der Mann, der stets bescheiden und etwas linkisch auftrat, galt zu seiner Zeit als intellektuelle wie moralische Instanz. Er schrieb über die verheerenden Folgen des Kriegs, gesellschaftliche Fehlentwicklungen im Nachkriegsdeutschland, bigottes Spießertum und Verknöcherungen der katholischen Amtskirche.

"Aber nun ist Böll 25 Jahre tot, heute sind ganz andere Themen aktuell, also wird der Abstand zu seinen Büchern und zu ihm unaufhaltsam größer", sagte Reich-Ranicki. Das sieht Böll-Sohn René anders. Sein Vater habe Weltliteratur geschrieben: "Die ist zeitlos. Die literarische Qualität ist entscheidend."

Heinrich Böll werde weltweit gelesen. "Die Themen sind nicht so zeitgebunden, wie die Leute immer denken." Für Generationen von Schülern war "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" über verleumderische Pressehetze Pflichtlektüre. Seit 1961 habe die Böll-Auflage nach Verlagsangaben 10 Millionen betragen, davon 2,4 Millionen "Katharina Blum", sagt Markus Schäfer, Germanist am Böll-Archiv. Im vergangenen Jahr habe der Schulklassiker noch eine Auflage von 34 000 gehabt.

Böll war kein Chronist, aber man muss ihn vor dem Hintergrund seiner Zeit verstehen. Für jüngere Menschen, die nicht einmal mehr die Mauer erlebt haben, kann das ein Problem sein. Darauf antwortet die "Kölner Ausgabe" - die endlich komplette Werkausgabe mit Hintergründen zu Zeit, Geschichte und Personen. Dass die letzten drei der 27 Bände 25 Jahre nach Bölls Tod erscheinen, sei Zufall, sagte Sohn René.

Marcel Reich-Ranicki räumt allerdings ein, Bölls publizistische Arbeit sei "ungeheuer wichtig" gewesen. "Nicht jede Generation kann erwarten, dass sie einen Böll hat. Das Land muss dankbar sein für einen, den es hatte."