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Wuppertalerin produziert Arte-Doku über den Mythos der Concorde

Interview mit Regisseurin : Wuppertalerin produziert Doku über den Mythos der Concorde

Regisseurin Angela Volkner dreht eine Arte-Dokumentation über den Absturz und den Mythos der Concorde. Wir sprachen mit der Wuppertaler Filmemacherin über ihre Arbeit.

Sie flog schneller als der Schall, galt 30 Jahre lang als fliegender Inbegriff von Luxus und endete in einer der schlimmsten Katastrophen der Luftfahrtgeschichte: Am 25. Juli vor 20 Jahren stürzte in Paris die Concorde F-BTSC nur Minuten nach ihrem Start in ein Hotel. Alle 109 Insassen des Air-France-Flugs 4590 kamen ums Leben, vier Menschen starben am Boden. 42 der 96 deutschen Opfer stammten aus Nordrhein-Westfalen, 13 davon aus Mönchengladbach.

Nach dem Unglück flog das erste zivile Überschall-Passagierflugzeug zwar noch zwei weitere Jahre, stellte seinen Dienst 2003 aber endgültig ein. Zurück blieb ein Mythos.

Zum 20. Jahrestag des Unglücks beleuchtet ein Film des Fernsehsenders Arte noch einmal die damaligen Geschehnisse. „Die Concorde – Absturz einer Legende“ heißt die 55-minütige Dokumentation, die die Regisseure Angela Volkner und Peter Bardehle recherchiert und gedreht haben. Wir sprachen mit der Wuppertaler Filmemacherin über ihre Arbeit und die Ära der Concorde.

Drehte für Arte: Die Wuppertaler Regisseurin Angela Volkner (53) Foto: Volkner

Frau Volkner, wie bei so vielen anderen Unglücken bleibt auch 20 Jahre nach dem Absturz in Paris die schwierige Frage nach der Schuld. Steht sie auch im Zentrum Ihres Films?

Volkner: Die Schuldfrage wird zwar angerissen, ist aber kein vordringliches Thema. Es gibt eine lange Vorgeschichte zum Film. Mein Kollege, der Produzent und Regisseur Peter Bardehle, begleitete schon 1998 einen Flug der Concorde nach New York und zurück. Nach dem Unglück 2000 holte er mich mit ins Boot, 2001 und 2006 drehten wir zusammen Dokumentationen für das ZDF und den WDR. Die Ursachenforschung ist ein Krimi für sich, sie ist wirklich sehr umfangreich. Diesmal wollten wir nicht mehr in die tiefere Diskussion einsteigen.

Das heißt, Sie rücken jetzt dieses Flugzeug der Sonderklasse, diese Faszination filmisch in den Vordergrund?

Angela Volkner während der Dreharbeiten mit Herrmann Layher, Präsident des Technikmuseums in Sinsheim, in der Sonderausstellung Concorde. Im Hintergrund die ausgebauten Triebwerke der Concorde, die in Sinsheim auf dem Dach steht. Foto: Technik Museum Sinsheim

Volkner: Ja, wir wollten die Geschichte dieses besonderen Flugzeugs von Anfang bis zum Ende erzählen, mit allen spannenden Aspekten, die damit verknüpft sind. Aber sicher war der Absturz der grauenhafte Anfang vom Ende der Concorde.

Offenkundig löste eine fatale Kettenreaktion das Unglück aus. Die Fluggesellschaft Continental wurde 2012 von der strafrechtlichen Verantwortung freigesprochen.

Volkner: Letztlich war es wohl Schicksal, egal wie man es dreht und wendet. Auch wenn sich die französische Untersuchungsbehörde schnell auf das Metallteil eingeschossen hatte, das eine Continental-Maschine zuvor auf der Startpiste verloren hatte.

Das war der Auslöser.

Volker: Ja, schlussendlich war es das. Die Concorde rollte über die Metalllamelle, ein Reifen platzte, die Teile schlugen gegen einen Tank, Kerosin strömte aus und geriet in Flammen. Es gab aber auch noch andere Gründe. Ein Teil des Fahrgestells fehlte, die Maschine war womöglich überladen, startete mit Rückenwind. Das Ganze ist sehr komplex.

Wie liefen die Dreharbeiten?

Volkner: Die aktuellen Sequenzen haben wir erst ab April gefilmt. Aufgrund von Corona war das natürlich sehr schwierig. In England und Frankreich ging es gar nicht. Wir konnten aber planmäßig im Technik-Museum in Sinsheim drehen,  wo die einzige Concorde gelandet ist, die es in Deutschland gibt. Zudem konnten wir den französischen Piloten interviewen, der den Überflieger damals hinbrachte. Er war auch an der Untersuchung der Unfallursache beteiligt und hat mit uns das erste Mal darüber gesprochen.

Das war bestimmt sehr emotional.

Volkner: Ja, das ging nahe. Er war sehr betroffen, da er mit dem Piloten der Absturzmaschine in Paris befreundet war. Seine Aufgabe war es, die Black Box zu interpretieren, die er sich mit all den Zwischentönen hunderte Male anhören musste.

Was sind weitere Filmstationen?

Volkner: Wir konzentrieren uns auch auf Archivmaterial. Zu sehen sind etwa Aufnahmen von Testpiloten aus Frankreich und England, die die ersten Überschalljets geflogen sind. Sie reden auf eine sehr charmante Art über ihre Zusammenarbeit, übereinander und die verschiedenen Mentalitäten.

Die Concorde war Jetset. Jeder Fluggast war ein V.I.P. Die Mächtigen und Reichen flogen mit dem Überflieger. Konnten Sie diesen Mythos ansatzweise erfassen?

Volkner: Das ist eine der Erzählebenen im Film, diesem Mythos nachzuspüren. Die Concorde war eine Legende der Lüfte, rasant, markant, elegant. Das verzückte natürlich auch die Stars. Aber es war nicht allein der Luxus, sondern das Flugerlebnis selbst. Für viele Menschen war es ein absoluter Lebenstraum mit einem Überschallflugzeug zu fliegen. Es war auch eine große Auszeichnung, wenn man Concorde-Pilot werden durfte.

Was hat Sie persönlich fasziniert?

Volkner: Das Schicksalhafte, das mit diesem Flugzeug verknüpft ist. Und damit meine ich nicht den Absturz. Wir erzählen auch eine Geschichte von Leuten, die eigentlich in der Unglücksmaschine hätten sitzen sollten, die aber kurzfristig auf einen zweiten Concordeflug an jenem Tag umbuchten. Es geht um Schicksal, Leidenschaft und Träume, die dieses Flugzeug weckt. Auf der anderen Seite steht auch das Staunen, dass die Concorde bis heute das einzige Flugzeug dieser Art ist. Am Anfang gab es 70 Kaufoptionen, letztlich haben nur die Entwickler Frankreich und England diesen Prestige-Vogel in die Luft gebracht.

Sie schauen in der Doku auch in die Zukunft.

Volkner: Ja, kurz. In den USA werden neue Überschallflieger entwickelt, die noch nicht am Start sind, in Deutschland wird an einem Spaceliner geforscht, der in 90 Minuten nach Australien fliegen soll. Das ist gigantisch, aber realistisch. Das ist eine Frage von Geld.

Die Concorde war in jeder Hinsicht verschwenderisch, vor allem ein Riesen-Sprit-Fresser. Glauben Sie, dass es die Concorde heute noch geben würde, wenn es den Absturz nicht gegeben hätte?

Volkner: Ich glaube von der Technik her schon. Das Treibstoff-Problem müsste man natürlich noch mal angehen. Das wäre heute Flugscham hoch zehn.

Die Concorde flog mit mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit, war ein technisches Wunderwerk. In der Zeit, die es braucht, um ein Champagnerglas zu füllen, flog die Concorde bis zu 16 Kilometer weit.

Volkner: In dreieinhalb Stunden nach New York zu donnern, muss berauschend gewesen sein. Es gab ein erstklassiges Menü, aber innen war es laut und eng. Schon beim Start war die Wucht des Antriebs zu spüren. Die Concorde ist wie ein Ferrari der Lüfte: laut, eng, unbequem,  aber es muss sich einfach toll angefühlt haben, in einem Flugzeug zu sitzen, das immer an seinen Grenzen flog. Herauszufinden, was die Faszination mit den Leuten macht, das hat mich interessiert.

Die Concorde flog an ihren Grenzen?

Volkner: Auf der Strecke Paris-New York hatte der Überschallflieger nur noch eine Treibstoff-Reserve für 20 Minuten. Das war schon alles sehr knapp. Aber generell galt die Concorde natürlich als ein sehr sicheres Flugzeug. Letztlich waren es wirtschaftliche Gründe, warum sie nicht mehr fliegt.

Sie haben auch mit einem Hinterbliebenen des Unglücks aus Mönchengladbach gesprochen.

Volkner: Ja, im Jahr 2006 und jetzt noch mal. Ja, der erwachsene Sohn wusste nicht,  dass seine Eltern an jenem Tag Concorde fliegen. Umso überraschender kam dann die Todesnachricht. Er hat aber nie nach der Schuld gesucht, das war kein Thema für ihn. Die Vorstellung, dass seine Eltern sich an den Händen hielten, als sie starben, das hat ihm Frieden gegeben.