Wuppertaler Schauspieler Krassnitzer: „Heimat ist ein offener Ort“

Interview : Wuppertaler Schauspieler Harald Krassnitzer: „Heimat ist ein offener Ort“

Der Schauspieler Harald Krassnitzer spricht im Interview über sein Leben in Wuppertal, seine Rolle im Wiener „Tatort“ und die Belebung der Demokratie.

Ein verregneter Wuppertaler Freitagvormittag. Im Luisenviertel ist ein Interviewtermin mit Harald Krassnitzer vereinbart. Eine gute halbe Stunde sei sicher ausreichend, hatte sein Pressesprecher vorher mitgeteilt. Das klang nach PR-Routine für den neuesten „Tatort“, in dessen österreichischer Variante der inzwischen 58-jährige Schauspieler seit nunmehr 20 Jahren und 44 Folgen den Wiener Sonderermittler Moritz Eisner spielt.

Aber das genaue Gegenteil ist der Fall. Noch auf der Suche nach einem Fotomotiv und einer Gaststätte für das Interview entwickelt sich im Regen ein intensives Gespräch über den „Spiegel“-Skandal um die gefälschten Reportagen von Claas Relotius. Krassnitzer, der Eindruck entsteht schon unmittelbar nach der Begrüßung, ist in einem ungewöhnlichen Maß an Austausch und Begegnung interessiert und offenbar überhaupt nicht am Platzieren vorgestanzter Botschaften. Die Erschütterung, die der Einzelfall Relotius auslöst, ist für ihn Ausdruck einer grundlegenden Verunsicherung im Verhältnis zwischen Eliten und der gesellschaftlichen Basis. Und das weitere Interview ohne das Thema Politik zu führen, ist schier unmöglich.

Herr Krassnitzer, im politischen Raum ist der Begriff Heimat gerade sehr umkämpft. Ist er für Sie auch privat relevant?

Harald Krassnitzer: Heimat ist einer der ganz wichtigen Begriffe, aber er ist falsch besetzt und mit etwas unterfüttert, das ich nicht unter Heimat verstehe. Sie ist für mich nicht Ausgrenzung und Abschottung, sondern ein sehr innovativer, offener Ort. Der Begriff ist im Gegensatz zur Globalisierung nicht abstrakt, sondern verschafft mir einen Überblick. Ich verorte mich an einem Punkt und habe so die Möglichkeit, eine für mich nachvollziehbare Sozialisation aufzubauen.

Was meinen Sie damit?

Krassnitzer: Ich treffe Sie hier an diesem Tisch und brauche dafür weder Skype noch Internet, um eine persönliche Begegnung zu haben. Bei der Globalisierung habe ich nie auch nur annähernd eine Chance zu greifen, was das ist. Wenn wir zum Beispiel von den internationalen Finanzmärkten reden, bleibt das völlig abstrakt. Ich weiß zwar, dass ein Großteil dieses Geschäfts nur noch über Algorithmen läuft, aber es entzieht sich meinen Möglichkeiten und verunsichert mich, weil ich nicht weiß, wie sehr das auf meinen Privatbereich Einfluss nimmt. Darum ist der Heimatbegriff so wichtig, weil ich ihn mit anderen Menschen zusammen gestalten kann.

Ist Wuppertal für Sie Heimat?

Krassnitzer: In meinem Beruf habe ich viele Orte, die ich so bezeichnen würde. Zum Teil ist das noch mein Geburtsort Salzburg, wo meine Mutter heute noch lebt. Wenn ich dorthin fahre, ist das für mich ein vertrauter Ort, wo ich alles kenne und weiß, wo meine Freunde sind. Dasselbe gilt für Wien. Ich habe aber auch Orte im Donaudelta, die ich so betrachte,  und Freunde auf Kreta oder in Spanien, wo ich weiß, dass ich dort gerne bin und mich sicher bewege. Genauso ist es für mich in Wuppertal. Die Stadt ist sicherlich der größere Anteil dessen, was ich als Heimat bezeichne. Weil ich hier viel Zeit verbringe, meine Familie und Freunde hier habe und mein Leben in der Stadt gestalte.

Krassnitzers Partnerin im wirklichen Leben ist die gebürtige Wuppertalerin und Schauspielkollegin Ann-Kathrin Kramer, mit der er seit 2009 verheiratet ist. Im ORF-Tatort steht Adele Neuhauser an seiner Seite. Am 17. Januar, nur vier Tage nach der Ausstrahlung der nächsten Wiener Folge mit dem Titel „Wahre Lügen“, wird sie 60 Jahre alt. Zugleich ist es ihr 20. Tatort und Krassnitzer hatte vor fast genau 20 Jahren seine Premiere als Tatort-Ermittler. Ihr neuester Fall führt die beiden auch an den Wolfgangsee und in die Untiefen der österreichischen Geschichte.

Könnte man den „Tatort“ aus Österreich als Ihre berufliche Heimat bezeichnen, weil Sie jetzt schon 20 Jahre Teil der Reihe sind?

Ihr neuester Fall führt die Wiener Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) auch an den Wolfgangsee. Foto: ARD Degeto/ORF/Cult Film/Petro D/ARD

Krassnitzer: Es gibt natürlich noch eine emotionale, genetische Verbindung zu dem Land. Man zieht ja nicht von einem Ort zum anderen und sagt, das war’s jetzt. Ich lebe jetzt nicht mehr in Österreich, sondern in Deutschland, aber ich bin nach wie vor Österreicher – oder eigentlich, wenn Sie so wollen, Europäer. Ich weiß, wie das Land tickt, was dort passiert und das lässt mich nicht kalt.

Ihr neuer Tatort „Wahre Lügen“ spielt auch in Ihrer alten Heimat im Salzkammergut. Hat Sie das emotional berührt?

Krassnitzer: Da bin ich eher unsentimental gestrickt, weil ich das haben kann, wann immer ich will. Ich kenne die Gegend, wo wir gedreht haben, gut, weil ich hier einen Großteil meiner Jugend verbracht habe. Aber wenn ich heute meine Freunde besuche, fahren wir auch an den See und springen hinein. Insofern ergibt sich nie eine große Berührtheit, weil die Region so nah ist. Etwas anderes wäre es, wenn ich aus Australien, Südafrika oder Sibirien käme und wüsste, ich kehre vielleicht erst nach 20 Jahren mal wieder in meine Heimat zurück.

Wo liegt für Sie der künstlerische Reiz, in Serien mitzuarbeiten?

Krassnitzer: Der Tatort hat nicht die Kontinuität einer herkömmlichen Serie mit 13 Folgen und einer ersten, zweiten, dritten und vielleicht noch vierten Staffel. Die ist ein richtiger Knochenjob und irgendwann ist eine solche Serie auch auserzählt. Dadurch, dass wir beim Tatort aber relativ große Abstände haben und ein sehr intensives und freundschaftliches Verhältnis zu unserer Redaktion, reden wir sehr viel darüber, was gerade Thema ist und wohin wir uns bewegen wollen, ohne dabei ins Tagesaktuelle einzusteigen. Uns interessieren eher die Symptome und das, was dahinter liegt, und das verpacken wir dann in unseren Geschichten.

In „Wahre Lügen“ geht es auch um den tatsächlichen Tod des früheren österreichischen Verteidigungsministers Karl Lütgendorf, der 1981 durch einen Schuss in den Mund starb. War Ihnen der Fall noch präsent?

Krassnitzer: Ja, das war eine dieser klassischen, großen politischen Geschichten. Österreich war damals ähnlich der Schweiz noch viel stärker der Neutralität verpflichtet als heute. Und plötzlich kam zu Tage, dass wir mit dem Iran und dem Irak an zwei kriegsführende Länder Waffen geliefert hatten – und zwar gleichzeitig. Das war nach unserem Neutralitätsgesetz nicht erlaubt. Und in diesen Fall, so glauben manche Leute, war irgendwie auch der Verteidigungsminister verwickelt.

Der Film endet offen und hinterlässt das Gefühl, da wabert noch etwas im Hintergrund, das man nicht fassen kann. Ist das ein Gesellschaftsbild, das Sie auch manchmal haben?

Krassnitzer: Es ist eher mittlerweile ein Markenzeichen des österreichischen Tatorts zu sagen, es gibt Dinge, die man nicht aufklären kann. Dass es restlose Wahrheit nicht gibt, wissen wir schon von Hannah Arendt. Wir spielen daher ganz gerne damit, das Ende offenzulassen. Es hinterlässt die Zuschauer anders, berührt sie anders und gibt ihnen noch eine Aufgabe mit. Das ist ein Weg, um zu sagen: Wer die Wahrheit wissen will, muss sich auch darum bemühen und vielleicht zweimal mehr fragen.

Krassnitzers politischem Interesse entspricht sein hohes Maß an Informiertheit. Immer wieder fällt das Wort „spannend“, wenn die Sprache auf die politischen Umbrüche kommt, die national und international zu beobachten sind. Zu den Schwarzsehern zählt der Schauspieler offenbar nicht. Er scheint, darin meint man auch den Künstler zu erkennen, eher den kreativen Kräften zu vertrauen, die in Gesellschaften durch jede Form der Verunsicherung freigesetzt werden können.

Sie sind selbst SPÖ-Mitglied. Sorgen Sie sich um Ihre österreichische und deutsche Heimat angesichts des erstarkten Rechtspopulismus?

Krassnitzer: Nein, um Deutschland noch viel weniger als um Österreich, weil ich das Gefühl habe, dass dieses Land noch viel pluralistischer aufgestellt ist. Es ist zwar erschütternd, was passiert. Aber ich stelle eher fest, dass die Entwicklungen uns viel mehr zwingen, uns demokratischer zu verhalten. Wir erleben Faktenchecks und eine viel höhere Legitimationsbereitschaft. Politiker stellen sich häufiger den Menschen und fragen: Wo ist euer Problem? In Europa ist das ähnlich. Seit Jahren wird sein Zerfall vorausgesagt und plötzlich gibt es beim Brexit ein einiges Europa, das sagt: So nicht, das sind unsere Regeln. Viele Entscheidungen des EU-Parlaments sind viel mutiger, als wir glauben. Das Verdichten von Problemen schärft unser Bewusstsein, was uns erwartet, wenn wir die EU nicht mehr haben.

Und die EU-Skepsis in Osteuropa?

Krassnitzer: Wir vergessen vollkommen, dass all die postkommunistischen Länder, die neu dazugekommen und heute als Visegrád-Staaten bekannt sind, 1989 kaltblütigst in ein europäisches System gestürzt wurden. Die Identitätsfrage tritt dort deshalb jetzt in den Nationalismen zu Tage, weil sie so lange unterdrückt wurde. Die Frage, was sich diese Länder eigentlich unter Demokratie vorstellen, ist noch lange nicht geklärt, weil sie auch nie gestellt wurde. Das ist dieselbe Situation wie bei den ostdeutschen Ländern, wobei es hier noch andere Kapitalmöglichkeiten gab. Aber man ist den Einigungsprozess nur mit der Ökonomie gegangen und nicht mit den Menschen. Wenn du vom DDR-Bürger zum BRD-Bürger wirst, ist das ein Knick in deiner Geschichte. Und dieser Identitätsfrage wurde nicht genug Raum und Zeit gegeben.

Und wie erklären Sie sich die FPÖ-Regierungsbeteiligung in Österreich?

Krassnitzer: Ich bin kein Freund dieser Partei, aber man muss schon sagen, dass sie seit Jahrzehnten im politischen Spektrum Österreichs verankert ist. Im Großen und Ganzen ist sie keine rechtsradikale, sondern eine nationale Partei, die gerade in den vergangenen zehn bis 20 Jahren eine demokratische Legitimation bekommen hat, in erster Linie auch dadurch, dass die etablierten Parteien nicht mehr die richtigen Antworten gegeben haben. Die FPÖ wurde nicht etwa gewählt, weil sie so viel besser wäre, sondern weil die anderen nicht mehr gut genug sind. Und die Fälle, in denen jetzt gut integrierte Menschen mit Migrationshintergrund plötzlich über Nacht abgeholt und abgeschoben wurden, haben eine große Erschütterung in der Bevölkerung ausgelöst. Daran sieht man, dass Österreich eben nicht fremdenfeindlich ist und die Menschen sehr wohl unterscheiden können.

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