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Wie Beuys-Biograf Hans Peter Riegel den Künstler sieht

Die Sicht eines Kritikers : „Joseph Beuys nicht wie einen Halbgott verehren“

Ein kritischer Vortrag des Biografie-Autors Hans Peter Riegel.

Als der „Stachel im Fleisch der Beuys-Gemeinde“ wird Hans Peter Riegel schon mal bezeichnet. Und wer dem Autor der vierbändigen Biografie über den 1986 verstorbenen Ausnahmekünstler Joseph Beuys zuhört, kann es verstehen: Dessen Fans werden nicht gern hören, was Riegel da erzählt. So wie jetzt im Düsseldorfer Stadtmuseum im Rahmen der dort laufenden Ausstellung „Die Macht des Mythos“.

Riegel sieht auch in Beuys einen solchen Mythos, den er entzaubern will. Riegel ist Kunstwissenschaftler und früherer Assistent des Düsseldorfer Künstlers Jörg Immendorff. Er kannte Beuys und hat ihn „auch gemocht“, wie er sagt. Er sieht in Beuys durchaus einen „überragenden Künstler“. Doch ihn „wie einen Halbgott zu verehren“ und „niederzuknien vor dem großen Kunstgenie“, sei unangebracht. Riegel geht sogar so weit, Beuys eine „Fake Existenz“ zu nennen, einen Medienkünstler mit „messianischen“ Eigenschaften. „Heute wäre er Influencer“, sagt Riegel.

Beuys habe das Storytelling über sich und seine Biografie perfektioniert. Angefangen bei seinem Geburtsort, den er mit der Residenzstadt Kleve angegeben habe. Um den wahren Geburtsort, den Dampfmühlenweg in Krefeld, zu verleugnen: eine schmucklose Straße in der Industriestadt. Beuys habe die  Legende der Entwicklung vom „Naturburschen zum späteren Ökologie-Papst“ bei der frühen Grünen-Partei gepflegt.

Beuys-Biograph Hans Peter Riegel sieht den Künstler Joseph Beuys kritisch. 
Beuys-Biograph Hans Peter Riegel sieht den Künstler Joseph Beuys kritisch.  Foto: Samuel Schalch

Das  habe so gar nicht gepasst zu seiner Vergangenheit, in der er sich freiwillig in Hitlers Luftwaffe verpflichtete. Riegel kommt auch auf die „Tatarenlegende“ zu sprechen, auf der Beuys einen Opfermythos aufgebaut habe. Die Legende geht in etwa so: Das Kriegsflugzeug, in dem Beuys als Funker saß, wurde 1944 über der Krim abgeschossen. Der verletzte Beuys habe erzählt, dass die Krim-Tataren seinen Körper mit Fett eingerieben und in wärmenden Filz eingepackt hätten. Was seine späteren Arbeiten mit diesen Materialien inspiriert habe. Riegel hält das für „Stuss“. Tatsächlich sei Beuys in ein Feldlazarett gebracht worden.

Riegel zeigt auf, wie stark Beuys nach seiner Ansicht von den Ideen von Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie, beherrscht  war. In eben diesem Licht müsse sein ganzes Schaffen gesehen werden. Da geht es etwa um Ideen wie eine Reinkarnation der Menschen. Riegel zitiert ein Interview von Beuys von 1976 im „Spiegel“, in dem dieser erzählt, ihm sei schon im Alter von vier Jahren und später mehrfach wieder ein „Engel“, eine  „immaterielle Gestalt“ erschienen. Die habe ihm gesagt, was er machen soll. Das habe seine Kunst beeinflusst. Beuys habe sogar die Handschrift von Rudolf Steiner übernommen und diesen „wie eine Plappermaschine“ zitiert, wenn es um die Verkündigung der anthroposophischen Lehre ging, in der Steiner Deutschland als das Zentrum für die Heilung der Welt propagiert habe. Riegel: „Beuys hatte Sendungsbewusstsein, er war beseelt, Steiner zu vertreten und dessen Weltanschauung durchzusetzen.“

Auf die Frage, warum Beuys denn in der Kunstwelt so gefeiert wird, wie zuletzt noch im Jubiläumsjahr 2021 aus Anlass seines 100. Geburtstags, hat Riegel diese Erklärung: Die Werke hätten ja einen Wert, und der könne verloren gehen, wenn der Mythos des Joseph Beuys hinterfragt werde. 

Der Vortrag in Düsseldorf wurde aufgezeichnet und ist zu sehen unter:
youtu.be/EjBmzWRiEXc