Das Tagebuch der Anne Frank: Wie Anne Franks Freundin gerettet wurde

Das Tagebuch der Anne Frank: Wie Anne Franks Freundin gerettet wurde

Für eine Lesung kam Jacqueline van Maarsen nach Köln — und hörte noch einmal, warum sie Hans Calmeyer ihr Leben verdankt.

Köln. Die beiden Mädchen hatten sich gerade erst kennengelernt. Aber dann ging alles sehr schnell. „Nach ein paar Tagen erklärt Anne, dass ich ihre beste Freundin bin und sie meine. Ich erkläre mich einverstanden.“ Die da so bereitwillig zustimmte, heißt Jacqueline van Maarsen. Heute ist die Niederländerin 87 Jahre alt. In dem Alter befände sich ihre damalige deutsche Freundin auch. Aber das Leben von Anne Frank war schon nach 15 Jahren beendet. Im März 1945 starb sie entkräftet im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Foto: Mathias Middelberg

Das EL-DE-Haus nahe dem Kölner Stadtmuseum. Von 1935 bis 1945 war hier die Geheime Staatspolizei für den Regierungsbezirk Köln untergebracht. An diesem Ort wurde verhört, gefoltert, gemordet. Jetzt sitzt Jacqueline van Maarsen im zweiten Stock in der ersten Stuhlreihe und folgt dem Vortrag des Mannes, der ihr Leben vor zwei Jahren noch einmal kräftig durcheinandergebracht hat.

Anne Frank, in Frankfurt am Main geboren, floh nach der Machtergreifung der Nazis nach Amsterdam und lernte dort ihre Freundin kennen. Foto: dpa

Im Dezember 2014 übergab ihr der Jurist und CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg Aktenauszüge, die belegten, wer sie als jüdisches Mädchen vor der Deportation bewahrt hatte. Van Maarsen gehört zu den 3700 Juden, die Hans Calmeyer, Jurist und „Rassereferent“ der deutschen Besatzer in den Niederlanden, als arisch einstufen ließ. 1992, 20 Jahre nach seinem Tod, ehrte ihn die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem dafür als „Gerechten unter den Völkern“.

Foto: Mathias Middelberg

Middelberg hatte sich schon 2004 für seine Promotion mit Calmeyer befasst. Als er für eine Biografie noch einmal die Akten und Unterlagen studierte, stieß er auch auf die Rettung von Anne Franks bester Freundin. Denn van Maarsens Vater war zwar Jude, ihre Mutter aber gebürtige Katholikin, die erst später zum jüdischen Glauben übertrat. Kurz nach Anne Franks Verschwinden im Versteck in der Amsterdamer Prinsengracht verwies Jacquelines Mutter die Behörden angesichts der Gerüchte über einen drohenden Völkermord darauf, dass ihre Kinder nicht vier, sondern nur zwei jüdische Großeltern hätten. Damit galten sie als Mischlinge — ein Fall für den Rassereferenten Calmeyer.

Als Jacqueline van Maarsen mit 85 Jahren von Middelberg erfährt, wie sie gerettet wurde, reagiert sie zunächst fast abweisend. Sie muss sich schützen. So wie sie sich schützen musste, als Anne Franks Vater Otto nach dem Krieg Trost bei ihr suchte und ihr als einer der Ersten Annes Tagebuch zu lesen gab. So wie sie sich später nach dem großen Erfolg der Veröffentlichung auch schützen musste vor dem Gedanken, als Anne Franks beste Freundin Teil der Legende zu sein. „Ich wollte mich nicht wichtigtun damit und ich wollte eine eigene Identität bewahren.“

Erst mit 61 Jahren veröffentlicht van Maarsen das erste Buch zu der so kurzen wie prägenden Freundschaft ihres Lebens. Und als Middelberg mit seinem Calmeyer-Vortrag zu Ende ist, kommt sie auch in Köln selbst auf die Bühne und liest, begleitet von ihrem Mann Ruud Sanders, ihr Manuskript ab. Sie tut es mit der etwas spröden Autorität derjenigen, deren Lebensschilderungen keine dramaturgische Aufladung mehr nötig haben und auch nicht vertragen.

Sie habe inzwischen den Wert von Anne Franks Tagebuch erkannt: als eine Botschaft „gegen Rassismus und Diskriminierung“. Darum ist sie gekommen. Darum erzählt sie davon, wie sie während des Krieges den Tag herbeisehnte, an dem Anne zurückkommen würde. Darum erzählt sie von ihrem Brief an Annes Vater, der mit dem Satz endet: „Vielleicht wird Annes Buch noch mal berühmt“ — ein Trostsatz, den sie selbst nicht geglaubt hat, als sie ihn schrieb.

Trostsätze sind es auch, die das Kölner Publikum von ihr erwartet. Man sieht das in den Gesichtern der jungen Studenten, man spürt das in den Fragen der Nachgeborenen: dass hier welche sitzen, die ratlos scheinen angesichts des Hasses, der Gewalt und des rechten Populismus der Gegenwart. Und die sich in merkwürdiger Verkehrung Ermutigung erhoffen von einer, die in ihrem eigenen Leben so viel Schlimmeres erlebt hat.

Jacqueline van Maarsen tut ihnen diesen Gefallen nicht. „Ich habe den Glauben an die Güte der Menschen verloren“, sagt sie leise und verzichtet auch dabei wieder auf jede Theatralik. Und als ihr so sanft und freundlich blickender Mann zum Mikrofon greift, um den Nachklang dieses Satzes zu mildern, vermag auch er nicht wirklich gegen sein inneres Gefühl anzureden: „Wenn man jung ist, denkt man, wir machen es anders“, sagt er. Aber dieses Andere, es scheint ihm wieder in der Defensive. „Und ich fürchte mich, dass wir da noch nicht am Ende sind.“

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