Warum Konzerttickets immer teurer werden

Warum Konzerttickets immer teurer werden

Um beliebte Künstler live auf der Bühne erleben zu können, müssen Fans heute tief in die Tasche greifen. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

Düsseldorf. Für Fans der Rolling Stones dürfte es ein heiliger Moment gewesen sein, als sich Mick Jagger und seine Mannen im Oktober 2017 in der Düsseldorfer Arena die Ehre gaben. Ein spektakuläres Konzerterlebnis, für das mancher im Vorfeld tief in die Tasche gegriffen hatte: Stolze 680 Euro kosteten die teuersten Tickets für einen Top-Stehplatz zwischen Hauptbühne und Steg. Ausverkauft waren sie bereits nach wenigen Minuten. Zum Vergleich: Noch bis Mitte der 90er Jahre war eine Eintrittskarte für die Stones für schlappe 68 D-Mark zu haben. Dabei sind die Rock’n’Roll-Legenden kein Einzelfall, denn viele Künstler haben die Preise für ihre Konzerte kräftig angezogen.

Gemessen am schmalen Taschengeldbudget von Teenagern verlangt Ed Sheeran im Zuge seiner Deutschlandtournee gepfefferte Preise: Zwischen 65 und 110 Euro kosten die Tickets für ein Konzert, das im Juli in Düsseldorf über die Bühne gehen wird.

Für den britischen Popstar Adele müssen Fans zwischen 79 und 149 Euro berappen — auf dem Schwarzmarkt wechseln laut Medienberichten Adele-Tickets schon mal zu schwindelerregenden Preisen von bis zu 1000 Euro den Besitzer. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Das Münchner Unternehmen CTS Eventim gilt in Deutschland als Marktführer im Ticketvertrieb. Das Onlineportal eventim.de ist nach Angabendes Unternehmens dank seiner hohen Reichweite für die Veranstalter ein wichtiger Marketing- und Verkaufskanal. „Die Ticketpreise für ein Konzert bestimmt der Veranstalter, der gewissermaßen in Vorleistung treten muss“, erklärt Eventim-Sprecher Christian Steinhof. Denn immerhin müssen kostenintensive Leistungen wie Bühnenaufbau, Technik, Sanitätsdienst, Reinigung, Gema-Gebühren und vieles mehr finanziell durch den Ticketverkauf abgedeckt werden. Nicht zuletzt wollen auch die Betreiber der Spielstätten, die vom Veranstalter für ein Konzert gemietet werden, ihren Teil vom Kuchen abbekommen.

Einen wesentlichen Grund für den Kostenanstieg bei Konzerttickets sieht Steinhof allerdings im digitalen Wandel in der Musikbranche: „Noch vor etwa 20 Jahren haben Musiker gut 80 Prozent ihrer Einkünfte durch den Verkauf von Tonträgern und nur zu 20 Prozent durch Konzerte und Merchandising erzielt. Seitdem die CD als wichtigste Einnahmequelle weggebrochen ist, setzen die Künstler stark auf das Livegeschäft, das heute gut 80 Prozent ihrer Einkünfte ausmacht.“

Denn längst haben in der Musikindustrie Streaming-Dienste wie Spotify das Ruder übernommen und die CD als Tonträger Nummer Eins abgelöst. Zwar erhält nach Angaben von Spotify der Rechteinhaber eines Titels zwischen 0,6 und 0,84 Cent an Lizenzzahlungen, wenn sich ein Nutzer einen Song anhört, doch so lukrativ wie einst die CD ist der Markt für sie bei Weitem nicht, zumal auch die Musiklabels über 70 Prozent des Verdienstes einstreichen.

Der schwunghafte Tickethandel auf dem Schwarzmarkt ist derweil auch Eventim ein Dorn im Auge — so habe das Unternehmen etwa schon bei Ed-Sheeran-Konzerten personalisierte und somit nicht übertragbare Tickets erstellt, um den Weiterverkauf im Internet zu Wucherpreisen einzudämmen.

Den Schwarzen Peter will Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft (bdv), aber nicht für seine Zunft zugeschoben bekommen, denn die Veranstalter seien nur mittelbar für die Preisgestaltung bei Konzerten verantwortlich: „In der Vergangenheit war es üblich, dass die Veranstalter mit den Agenturen der Künstler Festhonorare aushandelten. Wenn bei einem Konzert diese Beträge und zusätzlich die Durchführungskosten eingespielt waren, begann der Veranstalter Geld zu verdienen. Heute wird vom Künstler neben einem solchen Festhonorar zusätzlich eine Beteiligung am Gewinn des Konzertes gefordert. Der Veranstalter zahlt also eine zumeist hohe Garantie und beteiligt den Künstler darüber hinaus an dem Gewinn, der eigentlich ihm gehören sollte.“

Dies sei vor allem der Fall, weil sich die Schwerpunkte im Geschäftsmodell der Musiker verlagert hätten, so Michow: „Früher haben die Künstler Konzerte gespielt, um Werbung für ihre Musikaufnahmen zu machen. Ihre Lebensgrundlage war vornehmlich der Schallplattenverkauf. Heute haben viele von ihnen ihr ursprünglich zweites zu ihrem ersten Standbein gemacht und leben fast nur noch vom Live-Geschäft. Aufnahmen werden daher immer häufiger kostenlos zum Download ins Netz gestellt. Das hat zur Folge dass sie viel häufiger auf Tournee gehen. Sie bestimmen auch die Eintrittspreise. Wir als Veranstalter sind zumeist nur noch Dienstleister.“

Und so sei es auch schon mal vorgekommen, dass Lady Gaga bei ihren technisch aufwendigen und entsprechend teuren Konzerten auf leere Zuschauerränge blicken musste. „Ich finde es gut, wenn ein Künstler bei einem Konzert mal direkt mitbekommt, dass das Publikum nicht jeden Eintrittspreis mitmacht. Das Bedauerliche ist nur, dass die Veranstalter, die häufig genug vor zu hohen Preisen warnen, das letztlich mitbezahlen müssen.

In der Opferrolle will Michow aber auch den Konsumenten nicht sehen, der immerhin die Freiheit habe, zu entscheiden, wofür er sein Geld ausgibt. „Die Eintrittspreise bei Klassikkonzerten sind häufig weitaus höher, obwohl die Klassik erheblich mit öffentlichen Geldern subventioniert wird — und niemand beschwert sich. Bei Rock- und Pop-Konzerten wird heute zum Beispiel mit Bühnenaufbauten, Feuerwerk, LED- und Videowänden ein gigantischer Aufwand auch für das visuelle Erlebnis betrieben. Das hat halt seinen Preis.“

Dass klassische Konzerte auch erschwinglich sein können, zeigt ein Blick in den Spielplan der Düsseldorfer Tonhalle. Am 16\. Mai ist dort Carl Orffs populäre Oper „Carmina Burana“ ab 39,65 Euro zu erleben. Die besten Plätze kosten 63,85 Euro. Doch egal ob Klassik oder Pop — eines steht für Michow bei jedem Konzert außer Frage: „So ein Erlebnis kann mir später keiner nehmen.“

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