Oper: Wagners Musik überragt die Regie

Oper : Wagners Musik überragt die Regie

Die Götterdämmerung an der Deutschen Oper am Rhein unter Hilsdorfs Regie überzeugt vor allem musikalisch.

Für gewöhnlich setzen Rezensionen von Opernpremieren gerne bei der Regie an. Doch wenn die musikalischen Qualitäten einer Aufführung – übrigens auch deutlich ablesbar bei der Reaktion des Publikums – mehr in den Bann ziehen als der Rest, lohnt es den Spieß umzudrehen. So auch im Falle des „Dritten Tages“ vom „Der Ring des Nibelungen“ an der Deutschen Oper am Rhein, der unter der musikalischen Leitung Axel Kobers ein Fest wagnerschen Klangzaubers wurde.

GMD Kober legte an diesem Tag emphatisch erneut seine Visitenkarte als über jeden Zweifel erhabener Wagner-Dirigent ab. Die musikalische Dimension von Wagners Götterdämmerung lebt vor allem von einem Gespür für die dem Werk inhärenten Szenenwechsel, den Untertönen, Übergängen und vor allem einem zeitgleich dichten und kraftvollen Klang. Und sinisterer Düsternis, vor allem wenn der Albensohn Hagen die Szenerie dominiert.

Die Düsseldorfer Premiere vereinte das Beste der Aufführungstradition. Kobers aufmerksames Dirigat loderte kraftvoll und unbestechlich, wie etwa der Böhm-Ring, war agil und durchhörbar wie seinerzeit Boulez, untrüglich emotional wie Solti. Derartige Vergleiche hinken, doch treffen sie hier den Kern. Kober und die Düsseldorfer Symphoniker knüpfen an und würzen Wagner mit untrüglichem Gespür. Packend ihr Siegfrieds Trauermarsch oder Hagens Wacht. Natürlich nützte das wenig, würden Sänger nicht den Funken aufnehmen und weitertragen. Doch sie trugen ihn weiter und das bis hin zu den kleinsten Partien – gute Nornen (Susan Maclean, Sarah Ferede, Morenike Fadayomi) und sehr gute Rheintöchter (Anke Krabbe, Kimberley Boettger-Soller, Ramona Zaharia).

Allen voran Hagen. Hans-Peter König, aus dem Ensemble der Rheinoper, überstrahlte vieles mit seinem herrlichen Bariton. Wie glühendes Edelmetall fließt seine auch das Gentile beherrschende Stimme, kann aber mühelos an beängstigender Gewalt gewinnen. Doch sitzt sie derart sicher, dass man niemals den Eindruck gewinnt, König müsse forcieren. Sein auch schauspielerisch überaus differenziert angelegter Hagen vermag auch den Schrecken des Lakonischen zu verbreiten. Michael Weinius Siegfried ist ebenfalls eine Offenbarung. Zum Glück nur wenig Schärfe, aber dafür umso mehr Charakter in der Stimme, die zwar nicht immer, aber an nötiger Stelle glänzende Höhen produzieren kann. Ohnehin sind die Zwischentöne bei dem – vom Übermütigen zum nahen Tode sich wandelnden – Siegfried die Herausforderung. Hier hilft eine kultivierte Mittellage.

Linda Watson als Brünnhilde strahlt zwar weniger Charisma aus, doch die Götterdämmerungs-Brünnhilde muss man erst mal so mühelos durchzusingen vermögen. Und dies mit immer wieder aufkeimender dramatischer Stringenz, die sie auszeichnet. Ein souveräner Gunther (Bogdan Baciu), eine eher lyrischere Gutrune von Sylvia Hamvasi, Michael Kraus als Alberich oder auch Katarzyna Kuncios Waltraute trugen zu einem runden gesanglichen Gesamtbild bei. Nicht zu vergessen der überzeugende Chor, bestens vorbereitet durch Gerhard Michalski.

Gute Einfälle, aber wenig szenische Einfühlung der Regie

Und die Regie? Dietrich W. Hilsdorfs Ring, der sich nicht entscheiden konnte, Wagners Bühnenfestspiel diskursiv, assoziativ, politisch oder mythisch zu deuten, geht mit guten Einfällen, aber wenig szenischem Einfühlungsvermögen zu Ende. Es gibt ambigue Momente, wie die Nornen zu Anfang beim Kaffeeklatsch, die zwar Wagner vollends entzaubern, aber dennoch charmant erheitern. Zu diesen besseren Einfällen ist auch der Düsseldorf-Rhein-Konnex zu zählen. Der kahle, mit einem Lampengürtel versehene großzügige Raum des Bühnenhintergrunds wird mit einer projizierten Rheinfahrt bespielt.

Dieser Düsseldorf-Bezug spiegelt sich auch im Chor. Er erinnert mit Kostümen von Renate Schmitzer an abgewrackte Karnevalsgarden. So abgewrackt die Bewohner dieser kondensiert um sich kreisenden Welt, so abgewrackt auch das Schubboot „MS Wodan“. Dieser bildet die zentrale Insel, um die herum sich das Geschehen staffiert. Es wird sich zusehends dekonstruieren. Dieter Richters Bühne ist erneut umrahmt von einem Bühnenportal mit unzähligen Lämpchen wie aus einem Varieté-Theater. In einem Passepartout einer romantischen Rheinlandschaft (John Charles Robinson 1857), der zunächst als Vorhang den Blick auf die Bühne versperrt und beim Zerreißen des Nornen-Seils den Blick auf das Einheitsbühnenbild freigibt. In diesem Kosmos durchaus einnehmende Szenen, wie etwa Hagen mit dem einflüsternden Stereotyp ausstaffierten Alberich.

Viele Details, eine sich Heroin spritzende Gutrune, die den Vergessenstrank für Siegfried ihm aus seiner Hand schlägt, ein Reigen deutscher Flaggen – inklusive Hakenkreuz – bei Siegfrieds Trauermarsch oder das bedeutungsschwangere Ende sind reizvoll. Doch das Licht gen Ende im Zuschauerraum aufdimmen zu lassen, ist nicht wirklich originell – sieht man häufiger. Für besonders Aufmerksame ließ man auch noch andere kleine Schmankerl auffahren. Übertitel, die plötzlich etwas salopp über den Wandel der Zeit philosophieren, oder ein unverhoffter Gast zum Schluss. Radelt da Wotan vorbei? Der Beifall verriet, hier hatte die Musik deutlich Vorrang vor dem Gesamtkunstwerk. Ob das wohl in Wagners Sinne ist?

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