Rezension zu „Der springende Punkt ist der Ball“: Viele Wörter für ein einfaches Spiel

Rezension zu „Der springende Punkt ist der Ball“: Viele Wörter für ein einfaches Spiel

Düsseldorf. Fußball ist ein einfaches Spiel. Man sollte es nicht unnötig verkomplizieren. Sonst verheddert man sich schon bei Fragen der Meinungsbildung, wie der einstige Bundestrainer Erich Ribbeck sehr anschaulich demonstriert hat: „Ich kann es mir als Verantwortlicher für die Mannschaft nicht erlauben, die Dinge subjektiv zu sehen.

Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv sind. Wenn sie subjektiv sind, dann werde ich an meinen objektiven festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfließen lassen.“

Ribbecks Trainerkollege Giovanni Trapattoni neigte da eher zu einer sprachlichen Verdichtung der Herausforderungen seiner Sportart: „Es gibt nur einen Ball. Wenn der Gegner ihn hat, muss man sich fragen: Warum?“ Oder, um es mit dem unvergessenen Dettmar Cramer zu sagen: „Der springende Punkt ist der Ball.“

So hat der Berliner Autor Christoph Marx auch sein gut 200 Seiten starkes Buch über „die wundersame Sprache des Fußballs“ genannt, das jetzt im Dudenverlag erschienen ist. Es ist schon allein deswegen kurzweilig, weil es praktisch zwei Leseebenen hat: Die unverzichtbaren Zitate sind optisch hervorgehoben, sodass man sich, wenn man will, zur schnellen Erheiterung von Fredi Bobic („Man darf jetzt nicht alles so schlechtreden, wie es wirklich war“) bis zu Rudi Völler („Zu 50 Prozent haben wir es geschafft, aber die halbe Miete ist das noch nicht“) durchblättern kann.

Bisweilen allerdings krankt der Zitatenschatz daran, dass manche seiner Perlen ihren Glanz durch fortwährendes Hören nun doch schon reichlich eingebüßt haben. Jürgen Wegmanns „Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu“ oder Bruno Labbadias „Das wird doch alles von den Medien hochsterilisiert“ mag man eigentlich gar nicht mehr lesen.

Dass sie dennoch auftauchen, wird auch damit zu tun haben, dass es dem Fußball nicht anders ergeht als der Politik: Die Zeiten, in der markante Originale ohne Rücksicht auf Verluste mal ein Zitat für die Ewigkeit raushauen, sind vorbei, wie der Autor selbst bemerkt: „In Zeiten individueller Optimierung und perfekter Karriereplanung durch findige Berater haben die meisten Spieler gelernt, wie sie etwas sagen müssen, wenn sie sich nicht festlegen oder sich angreifbar machen wollen.“ Dann wird die Phrasendreschmaschine angeworfen, man denkt „von Spiel zu Spiel“, muss das verlorene Spiel abhaben „und nach vorne schauen“.

Aber Marx’ Buch ist mehr als eine muntere Zitatensammlung. Gleich zu Beginn erfahren wir beispielsweise in einer „kurzen Geschichte der Fußballsprache“, wem es die Deutschen zu verdanken haben, dass sie für das englische Spiel anders als viele andere Sprachen eigene deutsche Wörter haben: Stürmer, Linienrichter und Abseits etwa. Der Pädagoge Konrad Koch veröffentlichte 1903 eine Liste deutscher Fachausdrücke, die in den Vereinen auch Akzeptanz fanden. Der Hinterspieler (für Verteidiger) oder der Spielkaiser (für Kapitän) setzten sich allerdings nicht durch — vermutlich weil der wirkliche Fußball-Kaiser damals schlicht noch nicht geboren war.

Dafür widmet das Buch Franz Beckenbauer gleich ein ganzes Kapitel. Schließlich war es sein Markenzeichen, „sich selbst zu widersprechen, sich aber durch inhaltsfreie Floskeln quasi unangreifbar zu machen und dabei noch charmant und freundlich zu wirken“. Allerdings konnte er bei demonstriertem Unvermögen auch gnadenlos sein: „Das Einzige, was sich in der ersten Hälfte bewegt hat, war der Wind.“

Wer über Fußball redet, muss auch über das Militärische reden, anders lassen sich der Bomber der Nation, all die Abwehrschlachten und Einschläge im Winkel nicht erklären. Aber wie soll sich die arme Fußballersprache auch gegen Menschen wie den italienischen Diktator Benito Mussolini wehren? Der schickte seiner Nationalmannschaft vor dem Endspiel 1938 im eigenen Land gegen Ungarn ein Telegramm mit nur drei Worten: „Siegen oder sterben“. Die Italiener haben sich dann doch für das Siegen entschieden.

Die letzten 20 Seiten des Buchs gehören einem Fußballglossar — vom „Abfälschen“ bis zum „zwölften Mann“. So viele Fachwörter — braucht man die wirklich? Fußball ist doch ein einfaches Spiel, manchmal auch ein „Sandwichspiel“, wie Reporterlegende Werner Hansch formulierte: „Ein frühes und ein spätes Tor, dazwischen viel Gehacktes.“

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