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Verzweifelt schön - Walsers Buch „Spätdienst“

Neues Buch : Verzweifelt schön - Walsers Buch „Spätdienst“

Der große alte Mann der deutschen Gegenwartsliteratur legt mit 91 Jahren eine Art poetische Lebensbilanz vor.

. Kürzlich sorgte Martin Walser für Aufsehen, als er in einem Essay über Kanzlerin Angela Merkel philosophierte. Er sei verführt von der „stillen Wucht ihrer Schönheit“, gestand er im „Spiegel“. Jetzt kehrt der 91-Jährige zu seinem angestammten Metier zurück und legt mit „Spätdienst“ ein neues literarisches Werk vor – „die Summe, ja, das Resultat der Poetik Martin Walsers“, wie der Verlag es nennt.

Es sind Aphorismen, Gedanken, Gedichte. Oft nur wenige Zeilen, selten ein bisschen mehr, einmal lyrisch, einmal essayistisch, immer brillant formuliert und allermeistens todtraurig – wie in den drei Bänden seines melancholischen Seelenverwandten „Meßmer“. „Lösch das Licht in dir,/mach der Schwärze Platz,/den Wörtern kündige,/sie haben nichts genützt“, schreibt er einmal.

Der schön gedruckte Band, mit Arabesken seiner Tochter Alissa verziert, verrät nicht, aus welcher Zeit die Notate stammen. Eine editorische Notiz fehlt. Teile stammen aus Tagebüchern des Schriftstellers.

Das große und immer wiederkehrende Thema des Bandes ist die Auseinandersetzung mit dem Alter, ehrlich bis zur Schonungslosigkeit. „Ich muss darauf gefasst sein,/dass es sich hinzieht,/dass ich nicht mehr weiß,/was ich sage,/und in jeder Stunde,/bis zur letzten,/das Bett beschmutze.“

Daneben geht es um die Liebe, um die Fehler des Lebens oder auch einfach um Wind, fallende Blätter und Mäusemist. Und natürlich kommt immer wieder auch das Thema hoch, das Walser von früh an umtrieb und verletzte und schließlich zu seinem umstrittensten Buch führte, dem Bestseller „Tod eines Kritikers“ (2002): der Umgang der deutschen Literaturpäpste, allen voran Marcel Reich-Ranickis, mit seinem Werk. Für einen so erfolgreichen Schriftsteller wie Walser scheint da immer noch viel Dünnhäutigkeit durch.

„Vom Angespucktwerden leben: mein Beruf“, notiert er. Frank Schirrmacher, den früheren Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, nennt er einen „Bubi als Machtverwalter“, dem Klingen aus den „Händchen“ wachsen. Und über den „Spiegel“-Granden Volker Weidermann („Das Literarische Quartett“) schreibt er: „Der hat mich das letzte Mal nur verhöhnt. Jetzt feiert er mich. Es wäre geheuchelt, wenn ich nicht zugäbe, dass das guttut.“

Natürlich ist es kein Buch, das man auf einen Sitz durchliest. Aber man kann es immer wieder einmal herausziehen und den großen alten Mann der deutschen Gegenwartsliteratur ein Stück weit bei seinem „Spätdienst“ begleiten. Und jedes Mal von Neuem wieder darüber staunen, was er in dem denkwürdigen Gespräch mit seinem lange verheimlichten Sohn Jakob Augstein („Das Leben wortwörtlich“) einmal so formuliert hat: „Ich habe erfahren, dass durch Schreiben alles schön werden kann. Die Verzweiflung in Sprache ist eben schön.“

(dpa)