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Tolstois "Macht der Finsternis": Wo Knochen knacken

Tolstois "Macht der Finsternis": Wo Knochen knacken

Tolstois Drama „Macht der Finsternis“ ersäuft in Düsseldorf in guten Regie-Ideen.

Düsseldorf. Was Buh-Rufe angeht, ist Regisseur Sebastian Baumgarten einiges gewöhnt. Ein ganzes Gewitter entlud sich im vergangenen Juli auf dem Grünen Hügel über ihm, als seine „Tannhäuser“-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen durchfiel.

Ganz so schlimm ist es nach den zwei anstrengenden und anregenden Stunden im Düsseldorfer Schauspielhaus nicht. Doch auch hier machen sich die einen deutlich Luft, während die anderen einem grandiosen Ensemble und den schrillen Ideen des Theatermachers applaudieren.

Die Haare an Armen und Beinen dieser Figuren erinnern eher an Neandertaler als an eine Bauernfamilie, über die Leo Tolstoi 1885 schrieb. „Die Macht der Finsternis“ heißt es bei ihm, Baumgarten macht daraus in einer flackernden Videoprojektion „Die Macht der Dummheit“.

Sie hat die brabbelnden und geifernden Männer und Frauen ebenso fest im Griff wie der über ihnen wachende Gott. Sein Abbild bildet die Bühnenkulisse, unter seinen ausgebreiteten Armen spielen sich der Widerstreit zwischen Moral und Religion, Gier und Kleingeist ab. Das gezeichnete Gottes-Gesicht gleicht einer Ikone, darüber projiziert Baumgarten lebende Augen.

Zeitgleich verformen sich die Menschen darunter von archaischen Tierwesen zu kahlköpfigen Kunstfiguren. In der schlichten Geschichte ist Knecht Nikita (Till Wonka) hinter dem Geld her wie hinter den Frauen. Mit der Ehefrau des Bauern (Tanja Schleiff) und seiner Mutter (Imogen Kogge) vergiftet er den Patriarchen (Michael Abendroth). Der Arbeiter wird neuer Herr auf dem Hof.

Er bringt das Geld durch und schwängert die Bauerstochter, als diese kapitalbringend verheiratet werden soll. Das neugeborene Kind muss weg. Das Grauen findet außer Sichtweite statt, wenn Baumgarten Nikita mit Baby in den Keller hinabsteigen lässt. Er spricht von knackenden Knochen, der Rest ist Kopfkino.

Der Regisseur sprengt Genre-Grenzen, überzeichnet jedes Russenklischee von der Tracht bis zur Kartoffelsuppe. Er bedröhnt die Zuschauer mit einem Sound à la Rammstein, zu dem er Revolutionsbilder in Schwarz-Weiß über die Leinwand flimmern lässt. Eine durchaus durchdachte Ideenflut, die vielen zu viel ist.