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„Paradies“: Theater als Präventions-Projekt: Der Dschihad als „Jugendkultur“

„Paradies“ : Theater als Präventions-Projekt: Der Dschihad als „Jugendkultur“

Das Stück „Paradies“ im Jungen Schauspiel Düsseldorf erzählt von der Versuchung des radikalen Islamismus. Es soll zur Prävention gegen Salafismus beitragen.

Düsseldorf. Vibrierende Bässe dröhnen aus den Lautsprechern, flackerndes Licht verbreitet Partystimmung und junge Menschen wirbeln ausgelassen zu den Klängen der Musik über die Tanzfläche. Wüssten die jungen Theaterbesucher es nicht besser, wähnten sie sich vielleicht in einem angesagten Club. „Bei einigen Vorführungen haben die Zuschauer sogar mitgetanzt“, sagt Marion Troja, Sprecherin des Jungen Schauspiels in Düsseldorf, wo seit einigen Wochen das Stück „Paradies“ aus der Feder von Lutz Hübner und Sarah Nemitz auf dem Spielplan steht.

„Paradies“: Theater als Präventions-Projekt: Der Dschihad als „Jugendkultur“
Foto: Junges Schauspiel Düsseldorf

Die grell-bunte Eingangsszene beschreibt sinnbildlich, wie verführerisch und hip islamistische Propaganda zuweilen daherkommen kann, wenn Religion zum Lifestyle, ja zur Popkultur erhoben wird. Denn dies sind die brennenden Themen in „Paradies“ — die Zerrissenheit junger Muslime zwischen westlicher Freizügigkeit und Tradition, das Ringen um den „richtigen“ Weg und die bigotte Doppelmoral islamistischer Hassprediger, die in ihrem Anspruch, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, zu Mördern werden, oder andere zum Töten anstiften. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Hamid, ein junger Muslim, der in den perfiden Sog des Salafismus gerät und fortan von einem Ziel besessen ist: den „ungläubigen“ Leiter des Jugendclubs zu töten.

Auch NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hat sich die Produktion bereits angeschaut und war sehr angetan. Das Stück verfehle seine Wirkung nicht und leiste gerade deshalb einen wichtigen Beitrag zu Prävention gegen Salafismus, sagt der Minister: „Wenn wir junge Menschen für ein Thema interessieren und so in die Köpfe kommen möchten, brauchen wir kreative Ansätze. Angebote, die wir für den Einsatz an Schulen anbieten wie das Theaterstück ,Paradies’, können Jugendliche packen“, so Reul. „So kommen wir den Verführern zuvor und hindern sie daran, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen und sie zu radikalisieren.“

Das NRW-Innenministerium bietet Schulen auf Anfrage die Möglichkeit, die Inszenierung kostenlos zu besuchen. Darüber hinaus gibt es weitere Präventionsangebote für Schulen wie Workshops, Broschüren oder eine Lesung für den begleitenden Einsatz im Unterricht. Den Kern der Vorbeugungsarbeit soll auch weiterhin das Beratungsangebot „Wegweiser“ bilden, ursprünglich ins Leben gerufen vom vormaligen NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD). Hatte die nordrhein-westfälische CDU das Projekt anfangs als Populismus abgetan, ist Reul mittlerweile von „Wegweisers“ präventivem Ansatz überzeugt und will die aktuell 13 Beratungsstellen für Jugendliche auf 25 ausbauen.

Regisseurin Mina Salehpour war bei der Produktion wichtig, die Jugendlichen nach der Vorstellung nicht einfach sich selbst zu überlassen, sondern ihnen ein Forum zur Diskussion zu geben. Eine Gesprächsrunde nach der Aufführung mit den Schauspielern, in der die Jugendlichen offen über ihre Eindrücke und Gefühle sprechen können, ist fester Bestandteil des Konzepts. „Die Reaktionen fallen ganz unterschiedlich aus“, berichtet Salehpour. „Allerdings sind auch die muslimischen Zuschauer sehr offen mit der Thematik umgegangen und haben überwiegend positiv reagiert.“

So auch nach einer Vorstellung in Düsseldorf, wo die Jugendlichen sich nach dem Stück erst mal sammeln müssen. Eine muslimische Schülerin meldet sich zu Wort und gibt zu, dass sie sich stellenweise ein wenig provoziert gefühlt habe. „Ich fand es merkwürdig, dass ihr Sätze aus dem Islam wie ’Allahu Akbar’ gerufen habt, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen waren“, sagt die Zehntklässlerin. Dennoch habe sie das Stück angesprochen und manchmal auch zum Lachen gebracht.

Salehpour betont, dass „Paradies“ kein Stück über den Islam sei, sondern über religiösen Fanatismus. Eines sei ihr aber bei jeder Inszenierung wichtig: „Theater muss unbequem sein, damit wir darüber ins Gespräch kommen.“