Tag der Handschrift: Schreib mal wieder mit Stift statt Taste

Tag der Handschrift: Schreib mal wieder mit Stift statt Taste

Zum Tag der Handschrift sprachen wir mit dem Wuppertaler Psychologen Werner Kuhmann vom Verein „Allianz für Handschrift“.

Herr Kuhmann, die Handschrift verrät fast alles über den Schreiber: Charakter, Gesundheitszustand, Identität. Ist das wirklich so?

Werner Kuhmann: Nein, da gibt es keinen Nachweis. Man kann jedoch durchaus erkennen, ob jemand hastig oder sorgfältig schreibt, ob er geübt oder unbeholfen ist. Daraus lässt sich aber der Charakter nicht zuverlässig ableiten. Man muss die Persönlichkeiten kennen, dann kann man es umgekehrt schlussfolgern.

Spielen die Gene bei der Handschrift eine Rolle?

Kuhmann: Schwierige Frage. Es gibt keinen Beleg dafür. Wenn man aber davon ausgeht, dass Handschreiben ja auch Bewegung ist, darf man auch genetische Einflüsse annehmen.

Foto: dpa/ES/Kuhmann

In welchem Alter entwickelt man seinen eigenen Schreib-Stil?

Kuhmann: Ein individueller Schreibstil entwickelt sich ganz von allein. Das ist keine Frage des Alters. In der Grundschule ist es das dritte Jahr, in dem man von so viel Übung ausgeht, dass die Anforderungen an die Schreibgeschwindigkeit und -menge erhöht werden. Das fördert die Individualisierung.

Verändert sich die Handschrift im Alter?

Kuhmann: Ja, weil sich die Handschrift mit der Dauer ihres Gebrauchs ändert, also mit der Zeit. Insofern ist Alter nur die „Begleiterscheinung“. Im höheren Alter können allerdings Einschränkungen hinzukommen, die auch Einfluss auf die Handschrift haben.

Ihren Verein „Allianz für Handschrift“ gibt es seit 2012. Welche Idee verfolgen Sie?

Kuhmann: Wir wollen vor allem in den Grundschulen einen besseren Unterricht zum Schrifterwerb erreichen. Wichtig ist uns dabei die Förderung des verbundenen Schreibens mit einer dafür geeigneten Schrift.

Das Erlernen einer verbundenen Schreibschrift ist in vielen Bundesländern nicht mehr vorgesehen. Wie wichtig ist es, dass Kinder eine Schreibschrift erlernen und warum?

Kuhmann: So viele Bundesländer sind es nicht. Wir halten die verbundene Schrift weiterhin für essenziell, weil sie die Wörter viel besser zusammenhält als Druckschrift und damit Wörter besser erkennbar macht, was auch dem Lesen zugutekommt. Schreiben steht naturgemäß in enger Verbindung zum Lesen, Hören und Sprechen. Auch beim Sprechen verbinden wir ja die Laute eines Wortes so, dass sie eine Ganzheit ergeben. Die Reihung der Laute beim Sprechen bzw. Buchstaben beim Schreiben sollte daher fließend erfolgen und nicht „stotternd“. Eine gut funktionierende Handschrift liefert den besten Zugang zur Sprache.

Kommuniziert wird oft nur noch über SMS oder Mail. Stirbt die Handschrift aus?

Kuhmann: Nein, das glaube ich nicht. Allerdings wird sie mehr und mehr vernachlässigt, auch in den Grundschulen. Andererseits sehen wir, dass Kinder durchaus eine schöne Handschrift verwenden und auch nutzen wollen.

Was unterscheidet Handschrift von Getipptem?

Kuhmann: Buchstaben selbst mit der Hand zu formen ist ein wichtiger Aspekt der Ganzheitlichkeit der Schreibtätigkeit. Tippen ist im Vergleich dazu nur zeigen: Ich zeige einer Maschine, was ich gerne haben möchte. Das ist in etwa so wie eine Mahlzeit selbst zuzubereiten im Vergleich zum Tippen auf die Speisekarte. Es steht für mich außer Frage, dass man beim Selbermachen sehr viel mehr „drumherum“ lernt als dann, wenn man nur auf etwas zeigt.

„Wer nicht schreibt, bleibt dumm“, heißt das Buch von Gesamtschullehrerin Maria-Anna Schulze Brüning. Sehen Sie das auch so?

Kuhmann: Ja, auch wenn der Titel sicher ein wenig provokant gewählt ist.

Was man mit der Hand notiert, merkt man sich also besser?

Kuhmann: Ja, dazu gibt es eindeutige Untersuchungsergebnisse. Da Handschreiben etwas langsamer ist als Sprechen, muss man beim Mitschreiben bereits vorverarbeiten, weil man sonst nicht mitkommt. Diese Vorverarbeitung bedeutet, dass man Überflüssiges weglassen und den Inhalt an die eigene Verständnisstruktur anpassen muss. Das entspricht dem, was Psychologen „tiefere Verarbeitung“ nennen. Tippt man einfach mit oder könnte man gar eine Sprachaufzeichnung machen, fällt dieser Schritt weg und die Verarbeitung bleibt „flach“.

Ist es erstrebenswert, schön zu schreiben, oder kommt man mit einer Sauklaue besser durchs Leben?

Kuhmann: Zumindest in der Schule gilt, dass Schülerarbeiten besser bewertet werden, wenn sie in einer aus Lehrersicht „guten Handschrift“ erstellt werden. Das gilt sogar für Mathearbeiten. Eine „Sauklaue“ behindert ja den Leser. Das reduziert die Qualität einer Arbeit. Die Sauklaue liegt also in der Schule klar auf den hinteren Plätzen. Im Berufsleben gibt es durchaus schlecht lesbare Handschriften, die positiv gewertet werden, wie zum Beispiel die „Arztklaue“, die außer der Sprechstundenhilfe und dem Apotheker niemand entziffern kann. Normalerweise ist es aber eher umgekehrt, dass nämlich eine Sauklaue eben nicht als positives Merkmal gewertet wird.

Was zeichnet eine schöne Schrift aus?

Kuhmann: Es gibt zwei allgemein akzeptierte Kriterien für eine gute Schrift, nämlich die Geschwindigkeit und Flüssigkeit der Schrift einerseits und die Lesbarkeit andererseits. Kann man schnell und flüssig schreiben und der Empfänger die Schrift ohne Mühe lesen, hat man eine gut funktionierende Schrift. Eine solche Schrift ist normalerweise auch schön.

Womit schreiben Sie persönlich am liebsten? Bleistift, Kugelschreiber oder Füller?

Kuhmann: Das kommt auf den Schreibanlass an. Grundsätzlich aber sind Kopf und ausführende Hand die entscheidenden Instanzen beim Handschreiben, nicht das Gerät.

Welches Wort oder welcher Name geht Ihnen besonders gut von der Hand?

Kuhmann: Wie kaum anders zu erwarten: mein eigener Name. Aber auch das Wort „Handschrift“ kann ich ganz gut.

Mehr von Westdeutsche Zeitung