Opernhaus Düsseldorf: Schläpfers letzter Tanz-Streich mit Cello

Opernhaus Düsseldorf : Schläpfers letzter Tanz-Streich mit Cello

Seine letzte Kreation für das Ballett am Rhein präsentiert Martin Schläpfer im Programm b.41, das am Samstag Premiere im Opernhaus Düsseldorf feiert.

Die Ballettproduktion „Cellokonzert“ zu Dmitri Schostakowitsch ist Martin Schläpfers letzter Tanz-Streich für das Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg. Im Sommer wird der langjährige Chefchoreograf und künstlerische Leiter, der Ende Dezember 60 Jahre alt wird, das Wiener Staatsballett samt Akademie übernehmen. Wir sprachen mit einem schwer erkälteten Schläpfer vor einer Probe.

Herr Schläpfer, Sie arbeiten gerade an „Cellokonzert“, Ihrem letzten Werk für diese Compagnie, die Sie kontinuierlich aufgebaut und an die internationale Spitze geführt haben. Wie fühlt sich das an?

Martin Schläpfer: Es ist mir schon bewusst, und ich glaube, dem Ensemble auch, dass das die letzte Kreation ist – es folgen aber noch einige Einstudierungen bestehender Stücke. Deshalb war es mir wichtig, noch einmal mit allen zusammen etwas zu erarbeiten. Natürlich ist es kein Stück über Abschied. Ich finde, in der Kunst haben solche persönlichen Dinge nichts zu suchen. Dennoch schwingt er natürlich mit, im Ballettsaal wie im Konzept. Nicht zuletzt, weil es auch eine der letzten Arbeiten von Schostakowitsch war. „Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2“ ist eine erwachsene Musik – meiner Ansicht nach aber nicht so dramatisch wie viele sagen. Sie ist sehr klangorientiert und offen, auch wenn sie mit vielen Rhythmen durchtränkt und durchstanzt ist.

Die Komposition hat einen dunklen Grundton voller Gedankentiefe, sie hat aber auch helle Momente. Warum haben Sie sie gewählt?

Schläpfer: Der Cellist Nikolaus Trieb hat mich schon vor vielen Jahren darauf angesprochen. Deshalb hatte ich sie schon lange auf dem Schirm. Eine Musik, die mir empfohlen wird, muss ich ja studieren, schon um ihm ab- oder zuzusagen. Als ich dann mit Generalmusikdirektor Axel Kober gesprochen habe, der den Abend musikalisch leitet, und er das Stück auch sehr mochte, wusste ich: Das ist es. Manchmal stimmt es irgendwann.

Was die Musik angeht, gibt es auffällige Parallelen zwischen dem vorhergehenden Ballett „Ulenspiegeltänze“ zu Prokofiews „7. Sinfonie“. Auch Schostakowitschs zweites Cellokonzert entstand in der Stalin-Ära unter leidvollen Repressionen. Beide Kompositionen offenbaren auf das zweite Hören eine Ebene der Melancholie unter erzwungener Heiterkeit. Denn die erwünschten heroischen Klänge hat auch Schostakowitsch nicht geliefert. Zufall?

Faszination Dmitri Schostakowitsch. Schon seine 1. Sinfonie schrieb er mit 20 Jahren – sie wurde ein Welterfolg. Foto: picture alliance / DB/dpa/DB

Schläpfer: Nein, kein Zufall. Ich habe mich lange mit Prokofiew auseinandergesetzt. Es war ja mein erster. Für diese Spielzeit hatte ich erst noch seine sechste Sonate im Sinn gehabt, dann aber gemerkt, dass es mit dem Wechsel nach Wien zu viel wird für mich. Wer über Prokofiew liest, liest auch über Schostakowitsch. Ich nehme Musik als ein großes Feld wahr und habe mich in diese Komponisten immer mehr hineingehört. Es ist interessant, wie unterschiedlich sie sich gegenüber dem sowjetischen Regime verhalten haben.

Inwiefern genau?

Schläpfer: Prokofiews Kritik war in seinem Werk schon verhalten und sehr schwer zu erkennen. Er hat einen Weg gefunden, sich zu arrangieren. Anders Schostakowitsch. Bei ihm lief es anfangs sehr gut. Seine „Lady Macbeth von Minsk“ aber war plötzlich verpönt. In der Literatur ist nachzulesen, dass er lange damit gerechnet hat, abgeholt und deportiert zu werden, weil er so in Ungnade gefallen war. Er hat gar nicht mehr bei seiner Frau geschlafen, sondern auf gepackten Koffern in der Nähe des Fahrstuhls. Dann hat auch er sich arrangiert. Er ist sogar nach New York geflogen und hat dort Strawinsky öffentlich verpönt – was ihn sicherlich schmerzte. Aber seine Regimekritik ist im Werk evidenter: Zynismus, Aggression, launische Gaukelei. Es hat auch eine große Schwere. Insofern gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen „Ulenspiegeltänze“ und „Cellokonzert“.

Was erzählt Ihnen dieser Schostakowitsch?

Schläpfer: Im ersten Satz habe ich ein großes Bedürfnis nach Paarungen, Einheit, Befriedung. Vielleicht hat das mit der Situation der Compagnie zu tun. Sie befindet sich in der Auflösung. Es hat auch mit dem Dazwischen-Stehen vor Wien zu tun, da ist auch eine Unsicherheit. Außerdem mit der politischen Lage in der Welt und bei den Menschen grundsätzlich. Es geht mir darum, dass man mal den Mund zumacht und wieder die Gemeinsamkeiten sieht. Im zweiten Satz habe ich sofort einen männlichen Faun gesehen mit seinen drei Göttinnen, die nicht sonderlich interessiert sind an ihm. Es hat etwas sehr Virtuoses, es sind Zitate von Nijinski drin. Im dritten Satz ist der stärkste politische Sprengsatz verborgen, auch wenn diese Detonationen den Boden nicht aufreißen. Das Ende hat etwas Gespenstisches. Es ist fast wie ein Ausgespuckt-Werden in diesen Klängen. Es gibt viele Deutungen: Man kann sagen, es geht um die Endlichkeit des Lebens oder auch, dass die Compagnie in alle Richtungen gesprengt wird.

Wie fügt sich Ihr neues Ballett dramaturgisch in die drei anderen Werke des Abends von Jiří Kylián und Martha Graham?

Schläpfer: Ich denke, dass sie alle mit Vergänglichkeit zu tun haben, damit, dass alles zerrinnt. Das tönt so dramatisch. Aber dem ist nicht so. Ich versuche, dem eine Schönheit und eine Poesie entgegenzustellen.

Sie haben in elf Jahren ein beachtliches Oeuvre hier am Rhein geschaffen. Inwiefern setzt diese letzte Produktion einen Schlusspunkt oder bildet ein Resümee?

Schläpfer: Ich habe mir diese Frage auch gestellt, kann es aber letztlich nicht beurteilen. Es tauchen Dinge auf, mit denen ich gerne arbeite. Die Vermischung des Schuhwerks beispielsweise. Ich finde, dass die verschiedenen Stimmungen in einer Musik auch verschiedene Herangehensweisen verlangen. Dabei spielt das Schuhwerk, muskulär oder emotional, eine große Rolle. Dann gibt es wieder das Thema von Minorität und stärkerem Kollektiv, was auch mit Schostakowitschs Biografie zu tun hat. Meine früheren Arbeiten sind immer irgendwie präsent. Aber inzwischen habe ich nicht mehr das Gefühl, ich dürfe nur Originalschritte erfinden und mich nicht wiederholen. Das ist zum Glück verflogen, denn es kommt doch immer auf den Kontext an und die ehrliche Schöpfung des Moments.

Letztlich hat jeder Künstler seine Handschrift, die immer wieder durchdringt . . .

Schläpfer: Genau. Und je älter ich werde, desto klarer wird sie. Bei den Armen habe ich immer diese „Windmühlen“ um den Kopf. Ich habe meine Art, den Spitzenschuh zu nutzen, auch schon mal in einer Virtuosität, die man beispielsweise im zweiten Satz von „Cellokonzert“ als hanebüchen bezeichnen könnte. Aber ich würde nicht sagen, dass das Ballett ein Resümée meiner künstlerischen Entwicklung hier ist. Man geht zwar weg und es beginnt etwas Neues. Aber man nimmt sich und diese Zeit hier ja mit. Das Ensemble und ich, wir hatten eine wirklich schöne Zusammenarbeit.

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