Reformation: Calvin verjagte die Bankiers

Reformation: Calvin verjagte die Bankiers

Am Freitag jährt sich der Geburtstag von Johannes Calvin zum 500. Mal. Er war ein berühmter Protestant, dessen Lehren in ihrer Radikalität allerdings bis heute umstritten sind.

Düsseldorf. Er hat sich wohl selber am unerbittlichsten eiserner Disziplin, asketischer Maßhaltung, unermüdlichem Arbeitseifer und beständiger Gottsuche unterworfen.

Davon zeugt Johannes Calvins Werk und zeugen nicht zuletzt seine Briefe. "Ich lieh jenen Lehren nur ungern mein Ohr, mit leidenschaftlichem Eifer widerstand ich ihnen" aus "Ehrfurcht vor der Kirche", schreibt er im Winter 1533/1534, als er zwischen Katholizismus und den Lehren des Reformators Martin Luther schwankt.

Und dann: "Wie durch einen plötzlichen Lichtstrahl erkannte ich, in welchem Abgrund von Irrtümern ich mich befunden hatte. So tat ich, o Herr, was meine Pflicht war, und begab mich, erschreckt und mit Tränen mein früheres Leben verdammend, auf deinen Weg." Mit diesen Zeilen beantwortet er 1539 einen Brief von Jakob Sadoleto.

Nachdem er einmal zuvor aus Genf verbannt worden war, wurde er zur Rückkehr eingeladen, denn 1536 hatte das Volk feierlich die Einführung der Reformation beschlossen. Und Calvin kam und organisierte den Aufbau einer protestantischen Gemeinde wie eine Mischung aus früher Volksdemokratie und paramilitärischem Kasernenhof.

Die Bevölkerung wurde auf das Glaubensbekenntnis vereidigt und war zur Teilnahme an der monatlichen Abendmahlsfeier verpflichtet. Ein Rat von Ältesten führte die Überwachung der Kirchenzucht durch. Und die konnte böse enden - schlimmstenfalls mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen wie bei Michael Servet. Der hatte gegen Calvins Lehre der Erbsünde und gegen die Kindertaufe gepredigt.

Seine Kirchenordnung, vom Rat der Stadt Genf 1541 verabschiedet, sah vier kirchliche Ämter vor: Pastoren für Predigt und Seelsorge, Lehrer für den Unterricht, Älteste für die Kirchenzucht und Diakone für die Armenpflege. Aber in Fragen der Kirchenzucht hatte er gerade im einflussreichen Adel, der sich nicht gängeln lassen wollte, mächtige Feinde.

Dieses System wird ihm bis heute angekreidet als heimtückische Einrichtung von Verrat und Bespitzelung. Vor allem im Fall Servet, wo Calvin selbst durch ein Gutachten und gesteuerte Weitergabe brisanter Einzelheiten und Hintergründe auf das Todesurteil hingewirkt haben soll.

Und da Calvin sehr eigene Glaubensauslegungen hatte, dauerte es nicht lange bis zum Streit zwischen ihm und Luther. Glaubte dieser beim Abendmahl an die unmittelbare Anwesenheit von Leib und Blut, war Calvin fest überzeugt von der nur mittelbaren Anwesenheit allein des Heiligen Geistes. Ein Konflikt, der erst 1973 durch die Leuenberger Konkordie überwunden wurde.

Heute gilt er vielen als Vordenker der Industrialisierung und des Kapitalismus. Dahinter steht die calvinistische Vorstellung, dass der Erfolg eines Menschen für seine Erwählung durch Gott spricht. Tatsächlich sind calvinistisch geprägte Regionen wie die Niederlande, Süddeutschland oder die Schweiz wirtschaftlich erfolgreich. Dennoch war die Erwählung zum Glauben für Calvin das höchstem Gut.

Der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann meint, Calvin würde das herrschende Gesellschaftssystem "in Grund und Boden verdammen". "Er hat drei Mal die Errichtung einer italienischen Bank verhindert. Außerdem hat er von den Menschen gefordert, ihren Besitz für die Armen und Flüchtlinge einzusetzen. Man könnte also auch den Nachweis erbringen, der Calvinismus sei der Geist des Sozialismus. Erst im 18. und 19. Jahrhundert begannen die Leute, von ihrem Bankkonto abzulesen, ob sie von Gott erwählt sind."

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