Interview Was machen gute Gefühle aus?

Dr. Leon Windscheid tourt derzeit mit seinem aktuellen Programm „Gute Gefühle“. Darin gibt er spannende und wissenschaftlich fundierte Einblicke in die Gefühlswelt. Am 26. März gastiert er in Wuppertal.

Psychologie live: Was machen gute Gefühle aus?
Foto: Marvin Ruppert

Herr Windscheid, seit ihrem Sieg bei „Wer wird Millionär“ ist viel passiert, es sind fast neun Jahre vergangen – gibt Ihnen Ihr Werdegang ein gutes Gefühl?
Dr. Leon Windscheid: Ja total. Ich bin dankbar für das, was ich machen darf. Dass der Plan, der eigentlich nie mein Plan war, jetzt so aufgeht. Ich hatte damals schon bei einer Unternehmensberatung unterschrieben, wollte den Sicherheitsweg wählen mit gutem Gehalt, Vertrag und entsprechendem Status. Dass es anders kam – das ist das, wofür ich nach „Wer wird Millionär“ am dankbarsten war. Ich wollte nie dort hin, um berühmt zu werden. Mir ging es um die Kohle. Das viele Geld ist für mich heute noch unvorstellbar. Als der Gewinn damals ausgezahlt wurde, habe ich meine Mutter angerufen. Sie fragte mich, wo das Geld jetzt sei, und ich sagte, auf dem Konto bei der Stadtsparkasse Solingen. Ihre erste Reaktion: „Junge, verlier bloß die Karte nicht wieder.“ Mal abgesehen vom Schiff MS Günther, das ich mir vom Gewinn gekauft habe, hat dieser mich nicht groß verändert. Ich wohne immer noch in meiner Fünfer-WG. Das Geld hat es mir eben ermöglicht, den jetzigen Weg einzuschlagen


Podcasts, Bühnenauftritte, Moderation, Bücher schreiben. Machen Sie ausschließlich das, was Ihnen gute Gefühle gibt?
Windscheid: Grundsätzlich ja. Das Spannende ist ja: Was wäre gewesen, wenn es nicht eine, sondern zehn Millionen gewesen wären? Viel geändert hätte es wohl nicht. Letztlich geht der Alltag weiter, man hört nicht auf zu arbeiten oder an Projekten mitzuwirken. Aber nicht alles macht immer und zu jeder Zeit ein gutes Gefühl. Als ich begonnen habe, mein erstes Buch zu schreiben, war ich oft regelrecht verzweifelt. Ich war mehrfach kurz davor, den Verlag anzurufen und abzusagen. Auch, als ich bereits viele Shows gespielt hatte, bekam ich von Freunden durchaus die Rückmeldung, dass noch nicht alles ideal läuft.


Ist das überhaupt möglich – sich immer gut fühlen?
Windscheid: Das ist die große Frage und auch eine Frage des Empfindens. So gesehen: Nein. Es kommt aber darauf an, wie wir mit negativen Gefühlen umgehen. Viele Menschen denken sich, wenn ich dieses oder jenes geschafft habe, werden alle Ängste oder Selbstzweifel weg sein. Das ergibt psychologisch gesehen keinen Sinn. Unsere Gefühle sind nicht statisch. Das Leben ist immer ein Auf und Ab. Auch negative Gefühle sind gute Gefühle. Angst beispielsweise, weist uns auf Gefahren hin. Wut stellt Energie bereit. Viele Menschen haben Angst vor Wut, weil sie Angst vor Aggression und Gewalt haben. Aber solange wir psychisch gesund sind, sind negative Gefühle etwas, das uns weiterbringen kann.


Was bedeutet das für das Alltagsleben?
Windscheid: Wir müssen uns auf das Auf und Ab einstellen und wertschätzen, dass das Leben auch Tiefs hat. In meinen Shows sage ich immer: „Glück ist wie ein Furz. Wenn zu viel Druck da ist, wird‘s Kacke.“ Instagram und Co. suggerieren uns, dass immer alles perfekt sein muss, dass wir immer glücklich sein müssen. Ich nenne das „toxische Positivität“. Die positiven Gefühle im Leben sind sogenannte „Micro Moments“, kurze, aber intensive Hochgenüsse. Stellen Sie sich einen ewigen Zustand des Verliebtseins vor – mit aller dazugehörigen Hormonausschüttung. Das wäre gesundheitlich sogar schädlich.


Für diejenigen unter unseren Lesern, die sich unter „Psychologie live“ nichts Konkretes vorstellen können: Was erwartet die Besucher Ihrer Live-Shows?
Windscheid: Mein Ziel ist die Wissenschaftskommunikation. Meine Shows sind eine Achterbahn der Gefühle, mit viel Lachen aber auch ruhigen Momenten, in denen es bei so manchem Zuschauer „Klick“ macht. Diese Momente mag ich persönlich noch lieber als die humorvollen. Allgemein gilt für meine Shows: Wir machen uns eine gute Zeit. Mit der Dramaturgie eines Krimis und Live-Experimenten, die zu entlarvenden Situationen führen. Dabei muss keiner mitmachen, alles freiwillig.


Welches Feedback bekommen Sie von den Zuschauern?
Windscheid: Wenn ich an meinen letzten Auftritt in Wuppertal zurückdenke, war das von Minute eins an ein Hexenkessel. Die Zuschauer hatten richtig Bock. Ich freue mich immer darüber, dass Menschen an Informationen mit wissenschaftlicher Quellenlage interessiert sind – geschwurbelt wird wirklich schon genug.


Reden wir zu wenig über unsere Gefühle?
Windscheid: Ich glaube, in Deutschland erwachen wir diesbezüglich langsam aus dem Dornröschenschlaf. Viele Menschen hierzulande haben noch die alten Sprüche „Hart wie Kruppstahl“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ im Kopf. Das ist ganz tief verankert. Meiner Erfahrung nach haben deutlich mehr Frauen Interesse an dieser Thematik. Aber auch das ändert sich – wir sind auf einem guten Weg.

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