Acht Schauspiel-Talente begeistern im Düsseldorfer Doppelstück „Das Sparschwein/Die Kontrakte des Kaufmanns“ Unwiderstehliche Grusel-Revue

DÜSSELDORF · . Rüschen-Röcke fliegen hoch im Galopp, die jungen Damen und Herren schwingen ihre Beine und kreischen. Alle in Rot-Weiß-Schwarz. Wie es sich für French Cancan gehört. Damals im Paris des späten 19. Jahrhunderts, als junge Leute aus der Provinz in die „Weltstadt der Liebe“ eilten, um zu shoppen, fein zu dinieren und mal die Sau raus zu lassen – nachdem die achtköpfige Spieler-Gemeinschaft vorher ihr „Sparschwein“ geköpft hat.

Geben alles auf der Bühne: Elias Nagel, Roman Wieland, Jule Schuck, Luise Zieger, Michael Fünfschilling, Orlando Lenzen, Charlotte Schülke und Sarah Steinbach (v.l.).

Geben alles auf der Bühne: Elias Nagel, Roman Wieland, Jule Schuck, Luise Zieger, Michael Fünfschilling, Orlando Lenzen, Charlotte Schülke und Sarah Steinbach (v.l.).

Foto: Thomas Rabsch

Voller Saft, voller Kraft – so trumpfen die acht Jung-Schauspieler im gleichnamigen Vaudeville-Stück von Eugène Labiche auf. Naive Provinzler werden in ihrer Traumstadt über den Tisch gezogen, landen mal im Rotlicht-, mal im Mafia-Milieu. Pleiten, Pech und Pannen mit gefälschten Zahlen auf der Speisekarte und Tricksern in Luxus-Boutiquen. Über Revuebühne und Hinterzimmern schwebt ein weißes Ferkel (Bühne: Sabine Mäder).

Doch in dem neuen Doppelabend in Düsseldorfs Schauspielhaus verknüpfen Regisseur André Kaczmarczyk und Dramaturgin Janine Ortiz Szenen aus der deftigen Komödie, 1864 in Paris uraufgeführt, mit Elfriede Jelineks ebenfalls komödiantischer Kapitalismus-Kritik in „Die Kontrakte des Kaufmanns“ (Uraufführung 2009 in Köln). Nach dem Motto „Wo soll es denn hin, Ihr armes Geld?“ geht’s  auch bei der österreichischen Nobelpreisträgerin um Finanzkatastrophen, allerdings um die der New Yorker Lehman Brothers Investment-Bank, die 2008 in eine Weltwirtschaftskrise führte.

Opfer der gierigen Bankberater, so der rote Faden des virtuos komponierten Abends, wurden gutgläubige Kunden in jeder Epoche (auch in Frankreichs Belle Epoque) – hier von schlichten Schmierlapp-Betrügern, dort von schlitzohrigen, halbkriminellen Finanzjongleuren. Täter und Opfer mutieren in Kaczmarczyks Grusel-Revue zu grotesken Gestalten. Es sind acht Jung-Mimen: Schauspiel-Studenten aus Leipzig, die im Schauspielstudio Düsseldorf eine Art Referendariat absolvieren. Sie erweisen sich als große Talente und wahre Verwandlungskünstler, die blitzartig in andere Rollen schlüpfen – mit Selbstironie, Übertreibung und im Turbo-Tempo. Grell geschminkt in Rot-Weiß-Schwarz-Kontrasten ziehen sie Grimassen, schneiden Fratzen am laufenden Band und singen Schnulzen aus vergangener Zeit, à la Vicky Leandros oder Mireille Mathieu.

Unwiderstehlich, weil kraftvoll zupackend und frech ist die Performance mit Zappelphilipps, Zombies und Typen wie dem reichen Bauer (Elias Nagel als hyperventilierter Boss, nach dessen Pfeife am besten alle tanzen), oder dem Kellner, der die „Landeier“ übers Ohr hauen will. Als androgynes Wesen gespielt von Orlando Lenzen, der grazil tänzelnd, meist mit gebogenem Rücken, wie eine Feder über den überhitzten Gemütern schwebt und grinst. Nicht weniger überzeugend die Gruppe als Urkomödianten: Sarah Steinbach, Luise Zieger, Jule Schuk (in mehreren Rollen), Roman Wieland, Charlotte Schülke (als flattriger Kriminalkommissar) und Michael Fünfschilling.

Alle acht kosten den dreisten Dauer-Flirt mit Zuschauern aus und lassen das Publikum nicht los – dank ihrer ansteckenden Mischung aus elektrisierender Energie und jugendlicher, frecher und überschäumender Spiellust – die die Ausmaße der kleinen Bühne im Düsseldorfer Schauspielhaus zu sprengen droht. Inspiriert werden sie vom Meister der Überspitzung und des doppelbödigen Spiels mit Geschlechter-Klischees, André Kaczmarczyk: Sein perfektes Timing in den süffig choreographierten Gruppen-Szenen und Soli, seine nahtlosen Übergänge (zwischen Labiche und Jelinek), zielgenauen knallenden Pointen und seine sinnliche Musikalität impfte er den Nachwuchs-Künstlern ein. Mit Erfolg.

Alles das spürte und sah man bereits in der öffentlichen Probe, die drei Tage vor der Premiere bereits als perfekte Show durchlief und das Publikum so überzeugte, dass einige sofort Tickets für einen der nächsten Termine reservieren wollten. Die begeistert gefeierte Premiere war ausverkauft. Das Besondere des Abends: Manchmal starten die Spiel- und Sing-Artisten mit Kabarett, das sich plötzlich in bizarre Comedy mit reichlich schwarzem Humor über Kleinanleger und verlorenes Geld auswächst. Bitterbösen Spott über Börsen-Spekulanten verquickt Jelinek mit scharfer Kritik an Pseudo-Beratern, die den Kunden das Geld abluchsen  und sie in Sicherheit wiegen. Binsenweisheiten wie „Das Kapital arbeitet für den Anleger im Schlaf“ verbindet Jelinek mit höhnischen Ratschlägen: „Irgendwo muss es sich ja ausruhen, Ihr Geld, es drängelt sich ja sonst wie Sie für die EM- oder WM -Endspiel-Karten…“

Die Tiraden werden angetrieben von der Musik-Collage von Matts Johan Leenders, der Schlager-Ohrwürmer satirisch verarbeitet oder auch klassischen Cancan serviert. Leenders‘ Musik wirkt mal wieder wie das Salz in der Suppe. Wie meist in Sing- und Tanz-Projekten des vielseitigen Mimen und Regisseurs Kaczmarczyk, der mit dieser Show erneut mehrere Generationen erreichen wird.

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