Peer Steinbrück als Kabarettist: Kein Mandat, aber immer eine Meinung

Peer Steinbrück als Kabarettist: Kein Mandat, aber immer eine Meinung

Peer Steinbrück als Kabarettist? Macht er sich lächerlich? Der Versuch in Köln zeigt: das funktioniert. Und muss nicht immer witzig sein, um gut zu wirken.

„Vielleicht sollte die SPD einfach mal pausieren bei der Bundestagswahl. Sich erholen. Und dann 2021 mit einem wie Christian Lindner wiederkommen. Aber: Dann haben die gemerkt, dass ihr Lindner Thorsten Schäfer-Gümbel wäre . . .“

Köln. Wer immer fragt, warum Peer Steinbrück nach NRW-Ministerpräsidentschaft und Kanzlerkandidatur sich jetzt als Kabarettist verdingt, könnte eine ziemlich einfache Antwort erhalten: weil er es kann.

Annähernd 1000 Zuschauer haben sich davon im Kölner Theater am Tanzbrunnen am Donnerstagabend ein Bild machen können. Eine Bühne, ein Schreibtisch, Kabarettist Florian Schroeder und Peer Steinbrück. Gute zwei Stunden Zwiegespräch, Geplänkel, Lobhudelei und Angriff, Feinsinniges und Ernstes, oft eben auch Witziges. Dass die SPD das in diesen Tagen kaum ertragen kann, dass da ihr Ex über politische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fabuliert, geht zuerst als Makel der SPD durch.

Die Aufregung der Genossen war gewaltig, als der 70-Jährige in seiner Premierenshow über Nachfolger Martin Schulz lästerte. Kabarettist Schroeder hat das genervt. Die SPD, sagt er jetzt auf der Bühne, und Steinbrück tut dann entsetzt, sei der Veganer unter den Parteien: „Veganer sind so humorbefreit wie ihr Fressen frei von Geschmack ist.“ Da aber der Abend kein Drehbuch, sondern allenfalls fahrig einstudierte Fragmente zulässt und zu 85 Prozent improvisiert ist, will und kann Steinbrück nun wieder viel mehr Genosse sein. Es ist kein stechender Sozen-Wahlkampf, aber ganz sicher auch nicht die Vernichtung der Sozialdemokratie.

Schulz, sagt Steinbrück, habe noch Chancen, er brauche aber mehr „Beinfreiheit“ und könne 60 Millionen Wähler nicht allein mit dem Absingen sozialromantischer Lieder begeistern. Es ist Steinbrücks Aufruf zu mehr Mitte. Aber: „Wer hätte vor wenigen Monaten geglaubt“, sagt Steinbrück und macht eine Gelehrten-Kunstpause — weil er das so gelernt hat —„dass in NRW der Charismatiker Laschet Ministerpräsident wird?“ Rumms.

Steinbrück hat so viel Distanz zum politischen Geschäft, wie mancher das nicht wahrhaben will, weil er als Finanzminister an Merkels Seite ja gerade erst die deutschen Sparguthaben gerettet hat. Findet er übrigens auch selbst. „Und das war gut so!“ Schroeder, Ex-Philosophie-Student und an diesem Abend schlicht großartig, arbeitet sich am Sprachduktus seines Gegenübers ab, bewundert dessen norddeutsche Kodderschnauze, die nun mit Timbre, Kunstpause und oft auch reduziert in der Antwort mal an Helmut Schmidt erinnere — und dann doch ansehnlich auf Pointen hinaus ist. Viele haben ihm auch deswegen im Wahlkampf 2013 nicht mehr über den Weg getraut. Nach „Hätte-Hätte-Fahrradkette“-Spruch, Stinkefinger im SZ-Magazin („Wer das gut fand, war unter 18 und leider nicht wahlberechtigt“) und Pinot-Grigio-nicht-unter-Fünf-Euro-Aussagen plus entlarvter horrender Vortragshonorare. Arroganz wird ihm nachgesagt, das könnte aber auch Analyse der rhetorisch Unterlegenen sein. Und doch: Der SPD-Balken stieg 2013 nach 25,7 Prozent nicht mehr.

Steinbrück ist drüber weg, aber ein bisschen tut’s schon noch weh: „2013 wollten sich breite Teile der Gesellschaft in einer permanenten Gegenwart einrichten. Merkel war die Mutter über alle Porzellankisten.“ Das setze sich jetzt fort, nur die Welt sei eben eine andere. Drum sei das keine gute Idee, findet er, der seiner Partei einen guten Moment schenkt: als er Gerhard Schröder für die Agenda 2010 lobt, „das konnte nur ein SPD-Kanzler mit Arsch in der Hose machen“. Basta. Gleichwohl: In der Kommunikation habe sich die SPD innerparteilich ständig entschuldigt. Und Merkel fahre so nun die Ernte ein. Vielleicht hat Steinbrück das hier alles auch nur gemacht, um noch einmal mit allem aufräumen zu können. Wer weiß.

Bei Pinot Grigio „zu fünf Euro“ arbeiten die beiden sich durchs Weltgeschehen, das Glas wird nachgefüllt, zwei Flaschen gehen durch. Trump? „Ein Narzist, es ist ein amerikanischer Wutbürger ins Weiße Haus gelangt.“ Erdogan? „Ich beneide Frau Merkel nicht.“ G20? „Hätte besser auf der Hallig Hooge stattgefunden.“ AFD? „In Deutschland haben wir das Glück, die mit Abstand dümmsten Populisten zu haben.“ So geht das weiter, und die großen Fragen der Weltpolitik enden in dem Sinnspruch, den Steinbrück geklaut hat, der aber auch vom Sprachtalent selbst kommen könnte: „Demokratie ist eine sehr sensible Geliebte. Sie sagt: Wenn du dich nicht um mich kümmerst, verlasse ich dich.“

Er gesteht der FDP zu, „in diesen Zeiten gebraucht zu werden, wenn sie die Gerhart-Baum-FDP sein könnten — mit individueller Selbstbestimmung und Freiheit inmitten der Digitalisierung“. Er findet, es brauche die Grünen, „sie haben die Republik ganz gut aufgemischt“. Und wenn Schroeder seiner Kohl-Abneigung frönt, sagt Steinbrück: nichts. Er weiß, dass niemand begreifen will, dass er nun Unterhalter ist — und nicht mehr Politiker. Kein Mandat, aber natürlich immer eine Meinung. Er habe, sagt Schroeder zu Steinbrück, ja auch noch nie eine Wahl gewonnen. Was stimmt. Ein Lebenszustand? Vielleicht gelingt das noch, wenn er mit „Schröder die deutsche En Marche-Partei gründet“. Man hört das und denkt: Das ist es vielleicht, was er wirklich gerne wollen würde.

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