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Opern-Kritik: „Roméo et Juliette“ in der Düsseldorfer Rheinoper

„Roméo et Juliette“ in der Düsseldorfer Rheinoper : Sie weiß, was sie will und wen sie liebt

An der Düsseldorfer Rheinoper zeigt Jung-Regisseur Philipp Westerbarkei Charles Gounods „Roméo et Juliette“ als Primadonnen-Party – mit ungewohntem Ende.

Juliette lebt weiter, sucht keine Erlösung in einem Suizid, sondern nimmt, nachdem sich Roméo vergiftet hat, ihren Verlobten Graf Pâris zum Mann. Sie in pompösem Hochzeitskleid. Obwohl sie eben noch das Brautbett, das zum Sarg wird, beschwor. So lässt sich nicht nur Charles Gounods Oper „Roméo et Juliette“ umdeuten, sondern auch die Vorlage, Shakespeares Drama „Romeo und Julia“. Das berühmteste Liebespaar der Weltliteratur ist in allen Fassungen (auch auf der Musicalbühne) vereint im Tod. Doch Jung-Regisseur Philipp Westerbarkei findet das langweilig, verändert das Ende der romantischen Oper, überrascht und irritiert in Düsseldorfs Rheinoper mit Juliette als reifer starker Frau, die mal etwas anderes ausprobiert. Sie nimmt weder Gift, noch sticht sie das Messer in ihr Herz.

Geerdet, irdisch und mit einigen Ungereimtheiten der Regie endet das Drei-Stunden-Werk. Lautstark gefeiert wurden danach Düsseldorfs Symphoniker unter David Crescenzi, der im Dauereinsatz überzeugende Opernchor und die Solisten, allen voran die Hauptdarsteller Luiza Fatyol und Ovidiu Purcel. Sopran und Tenor – beide von metallischer Kraft, Durchschlags-Vermögen, manchmal auch vokaler Härte. Überwiegend ohne Raffinement und lyrische Empfindsamkeit, die Charles Gounod in seiner schwelgerisch eleganten Komposition von 1867 den Sängern eigentlich abverlangt.

Die musikalisch solide, aber wenig unter die Haut gehende Stadttheater-Produktion beginnt mit einer Verdopplung: Ein Liebespaar (gespielt von Schauspielern) tummelt sich noch vor der Ouvertüre (und zwischen den ersten Akten) wortlos vor dem Vorhang zu pochenden Geräuschen. Das Herz schlägt in einer beunruhigend hohen Frequenz, die, im Normalfall, einen Internisten auf den Plan rufen würde. Netter Einfall, der an Regietheater der 1990er Jahre erinnert. Doch warum diese Doppelung? Eine Erklärung bleibt Herr Westerbarkei bis zum Finale schuldig.

Sei’s drum. In seiner Fassung jedenfalls ist Juliette, aus betuchtem Hause Capulet, kein zartes postpubertäres Mädchen, sondern eine großgewachsene stattliche Lady in hautengem, silbrig glitzerndem Ballkleid. Anfang-Mitte 30. Sie weiß, was sie will und wen sie liebt. Wittert aber die Gefahren, die für sie mit Roméo (aus dem seit Jahrhunderten verfeindeten Clan Montague) verbunden sind. Und nimmt scheinbar gelassen die Verlobung  mit dem vom Vater (Graf Capulet) auserwählten Graf Pâris hin. In ihren Arien und Duetten brilliert Fatyol mit sicher geführter, geschmeidiger Stimme und runden Spitzentönen.

Der junge nervöse Roméo verehrt sie wie eine Unerreichbare: Madame thront wie eine Statue auf einem Turm von gestapelten Bar-Stühlen, die nach der Party übrig blieben. Und vor einem wuchtigen Felsen mit kleiner Madonnen-Statue (Bühne: Tatjana Ivschina), auf den die beiden in der Nacht klettern, um sich von Pater Laurent heimlich trauen zu lassen. Die Stimme von Ovidiu Purcel, der an der Rheinoper als Mozart- und Belcanto-Tenor begann, ist schwerer geworden. So setzt er in Roméos romantischen Liebesschwüren und Gefühls-Attacken eher auf großes Drama. Ein starker Tenor, der aber auch starr wirkt – ähnlich wie die Figuren- und Gruppen-Tableaus. Auf wendige, agile Psychologie vertraut die Regie weniger als auf statische Bilder – ebenso im Schlussakt in einer Todesgrotte, in der Roméo das Gift schluckt, während Juliette an der Grottenwand zuschaut.

Sängerisch bietet die Aufführung manches Hörenswerte

Sängerisch ist ein exzellentes Ensemble versammelt. Bogdan Baciu mit kernigem, pechschwarzem Bariton mimt den Mercutio in Lila-Smoking als frech dreisten, verführerischen Partyprinzen, der stets Silberregen aus der Tasche rieseln lässt. Ibrahim Yesilay mit seinem spielerischen Verdi-Tenor indes überzeugt als Tybalt. Die Regie lässt Tybalt, nachdem er von Roméo erstochen wurde, als blutüberströmten Geist wiederauferstehen und, aus dem Grab heraus, die Handlungen seiner Schwester führen. Der Einfall überzeugt nicht wirklich.

Ein Bariton-Fest bescheren zudem Richard Sveda (Graf Pâris) und Bogdan Talos, der mit seiner weit ausschwingenden, balsamischen Stimme die Güte von Pater Laurent beschwört. Viel französische Klangfarbe und romantisches Schwärmen – das bescheren auch Düsseldorfs Symphoniker unter Gast-Maestro David Crescenzi und der wandlungsfähige Opernchor.