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Olso als städtebauliches Vorbild: Kulturbauten als Vergnügungsparks

Oslo als Vorbild : Kulturbauten als Vergnügungsparks in Oslo

Museen und Theater sollen in Norwegen nicht nur die Kulturelite bedienen. Jedermann soll die Erlebnisorte genießen, selbst wenn er nur ein Getränk nimmt.

Düsseldorf und Köln streben zum Fluss. Düsseldorf führt gerade einen städtebaulichen Wettbewerb für die Innenstadt durch, bei dem die Kulturbauten wie die Uferzone eine wichtige Rolle spielen. Köln spricht gar vom „Planungsraum Rheinraum“ und will die Stadtteile zwischen Mülheim, Deutz und Poll durch eine Uferpromenade verbinden. In Oslo stellt man schon seit 50 Jahren die Stadt auf den Kopf, zum Wohle einer „Fjordstadt“. Nicht nur neue Wohnungen und Büros, sondern die gesamte Kultur drängt ans Wasser. Nach der Oper eröffnen dort in Kürze das Munch-Museum, das Nationalmuseum und die Deichmanske-Bibliothek. Alles mit konzeptionellen Neuerungen.

Oslo plant systematisch, mit Hafenpromenaden und Restaurantmeilen, mit Werftgebäuden und moderner Architektur, mit dem Nobel-Friedenszentrum im denkmalgeschützten alten Westbahnhof und dem markanten Astrup Fearnley Museum für moderne Kunst des Renzo Piano. Parallel dazu wurde ein Tunnel gebaut, der seit 1990 den Verkehr unter der Erde verstaut. Eva Madshus, Seniorkuratorin am Nationalmuseum für Architektur, erklärt nicht ohne Stolz: „Wir sind die grüne Stadt Europas.“

Promenade mit Schwimmbad
zum Sprung in den Fjord

Während Düsseldorf merkantil denkt und etwa die Kasematten zur Bierschwemme macht und den Stadtstrand mit Ess-Containern pflastert, denkt man in Oslo großzügig ans Volk. Die Hafenpromenade ist 9,5 Kilometer lang. Es gibt Bänke, auch Pontons wie Inseln, von denen die Kinder wie im Gratis-Schwimmbad einfach einen Kopfsprung ins Wasser machen. Pfähle wurden ins Erdreich gerammt, damit die Bewohner auf Holzplanken sitzen. Architekten, Landschaftsarchitekten und Designer sorgen dafür, dass die Ufergestaltung am Golfstrom zum Vorzeige-Projekt wird.

Der Umbau der Stadt läuft seit den 1980er Jahren und wird von allen Parteien getragen, ob links, rechts oder grün. Er erlebt derzeit seinen kulturellen Höhepunkt. Und wieder macht Oslo den Städten im Rheinland vor, bei einer neuen Oper oder einem neuen Museum nicht für Spezialisten, sondern für die Allgemeinheit zu bauen, wohl wissend, dass manche Leute sonst nie einen Museumtempel besuchen würden.

Eine Oper wie ein Eisberg
oder ein Abenteuerspielplatz

Den Auftakt machte das norwegische Architektenbüro Snöhetta mit der Oper, der jedermann sogar aufs Dach steigen kann. Wie ein Eisberg ragt der Bau aus dem Wasser, wie ein Abenteuerspielplatz wird die Oberfläche aus italienischem Marmor und norwegischem Granit genutzt. Tag und Nacht tummeln sich die Leute „on top“, und es sind nicht nur die Touristen.

Natürlich hatte auch die Bauverwaltung ihre liebe Not mit dem Gedanken, dass Menschen jeden Flecken in diesem Haus besuchen dürfen. Die normalen Sicherheitsbestimmungen sahen das Erklimmen des Dachs gar nicht vor, doch die Architekten deklarierten die Oberfläche einfach zum Kunstwerk, waren doch Künstler daran beteiligt. So  galten andere Bedingungen als die normale Verkehrssicherungspflicht. Wer die schrägen Dächer erproben will, muss selbst aufpassen. Die Schräge ist flacher als das von Christoph Ingenhoven geplante „Ingenhoven-Tal“ am Gustaf-Gründgens-Platz in Düsseldorf. Wer vorsichtig ist, rutscht in Oslo tatsächlich nicht ab.

Doch dieses Opernhaus ist nicht nur ein Tummelplatz für Freiluft-Apostel, sondern auch ein Beispiel für die neue Nutzung eines Kulturbaus. Eva Madshus erklärt, warum diese Oper nicht nur Norwegens größtes Kulturprojekt der Nachkriegszeit ist, sondern wirklich ein tolles Gebäude: „Während die meisten Opernhäuser der Welt tagsüber geschlossen sind, kann hier jedermann zu jeder Zeit hineinkommen, kann im Restaurant oder draußen am Meer sitzen und ein Glas Wein trinken. Es ist ein Gebäude für das ganze Volk, keine geschlossene Oper. Aber es ist auch eine sehr gute und sehr gut besuchte Oper mit einem guten Ballett.“

Die Fachfrau für Architektur empfiehlt den Düsseldorfern allerdings, bei einem Neubau ihres Musiktempels am Hofgarten kein Hotel aufzunehmen, denn ein Hochhaus sei in einer niedrig gehaltenen Innenstadt schade. In Hamburg liege die Oper am Tor zum Meer. Madshus schlägt stattdessen vor, wie in Oslo große Teile des Neubaus unter die Erde zu legen.

Was für die Oper gilt, gilt auch fürs neue Munch-Museum, dessen Umzug kurz bevorsteht. Das Gebäude mit der markant geknickten Doppelfassade aus Kunstharz und Mattglas fügt der Silhouette der Oper eine leichte Vertikale hinzu. „Lambda“, wie es die Architekten unter Juan Herreros aus Madrid nennen, ist ein 55 Meter hoher Turm mit zwölf Geschossen auf einer dreigeschossigen Basis. Das weitläufige Foyer soll auch Bürger einladen, die nicht an Munch interessiert sind, sondern an Kino und Theater. Es gibt Geschäfte, Räume für Kinderbetreuung und Museumspädagogik. Hinter der vorgehängten Glasfassade liegt die Rolltreppe, die zur Sammlung, zu Ausstellungen und zur Verwaltung führt. Oben befindet sich ein Aussichtsrestaurant mit einmaligem Ausblick. Und die Bar verspricht ebenfalls, absolute Spitze zu werden. Jedermann darf kommen, niemand soll sich ausgesperrt fühlen. Eröffnet wird Anfang nächsten Jahres.

Zukunftsbibliothek und riesiges Passivhaus für Nationalmuseum

Das dritte Kulturinstitut am Fjord, einen Katzensprung vom Hauptbahnhof entfernt, ist die Deichmanske-Bibliothek, die älteste und größte öffentliche Bibliothek Norwegens. Sie eröffnet 2020 und wird nicht nur alte Folianten, sondern auch eine Zukunftsbibliothek beherbergen. Die norwegische Künstlerin Katie Paterson sammelt Texte, die erst 100 Jahre nach Beginn des Neubaus veröffentlicht werden. Die Schriftstellerin Margaret Atwood hat bereits 2015 den ersten Text überreicht, der im Jahr 2114 gedruckt werden darf.

Damit noch nicht genug, wird ein riesiges Nationalmuseum (54 600 Quadratmeter Fläche) mit großzügigen Ausstellungshallen, Alabasterhalle on top, Medien-, Multifunktions- und Lesesälen,  Kino und Restaurant gebaut. Den Entwurf schufen die deutschen Architekten Klaus Schuwerk und Jan Kleihues. Gleich vier Museen werden gebündelt in diesem beispielhaften Passivhaus, denn der überwiegende Teil des Wärmebedarfs kommt aus passiven Quellen wie Sonneneinstrahlung sowie Abwärme von Personen und technischen Geräten. Der Einzug beginnt im Oktober, eröffnet wird im Herbst 2020.